Kristallnacht in Nazideutschland: Machtübertragung an den Mob


Die Synagoge in Kiel nach der Reichspogromnacht. Foto: dpa
Am 9. November 1938 setzte sich die systematische Verfolgung der deutschen Juden fort. Als Kulminationspunkt, nicht als dramatischer Bruch.

Von Christian ThomasFrankfurter Rundschau

Neben der Gewalt und dem Hass war es der Hohn, der in diesen Tagen und Nächten die Straßen eroberte: „Kristallnacht“. Wenn etwas in der ersten Reihe dabei war, etwa wenn Juden barfuß durch die Gasse oder Straße getrieben wurden, dann die Schadenfreude. „Kristallnacht“!
Später, nachdem Synagogen niedergebrannt worden waren, Geschäfte jüdischer Bürger zerstört, Wohnungen von Juden heimgesucht, Jüdinnen vergewaltigt, 1300 bis 1500 Tote zurückgelassen, 30 756 jüdische Männer (hier ließ die Bürokratie keine Zweifel offen) verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt worden waren: Später hieß es über den Begriff der Kristallnacht, dass er sich „eingebürgert“ habe.

Es war die Einbürgerung eines Worts, mit dem der Tatbestand der Ausbürgerung beschönigt wurde. Ganz enorm der rassistische Spaßfaktor, den diese Infamie verbreitete. Und verband sich mit ihr nicht auch eine erbauliche Stimmung. Eine völkisch-feierliche Vorweihnachtsstimmung?

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