Amos Oz: »Der Nahe Osten ist kein Western«


Amos Oz, Bild: wikipedia.org/CC BY 3.0/Michiel Hendryckx
Amos Oz über politisches Wunschdenken, Geduld im Friedensprozess und Israels kulturelle Blüte.

Von Natascha Freundel|Jüdische Allgemeine

Herr Oz, Sie haben vergangene Woche als Erster den Siegfried-Lenz-Preis erhalten. Was bedeutet das für Sie?
Siegfried Lenz war mir ein persönlicher Freund seit über 30 Jahren und in gewisser Weise auch ein Mentor. Ich habe eine Menge von ihm gelernt. In seinen Romanen hat er über moralische Dilemmata geschrieben, über ambivalente Situationen, Loyalität und Verrat. Zufällig sind viele dieser Themen auch für mein Werk zentral. Es ist eine große Ehre, der erste Empfänger des Siegfried-Lenz-Preises zu sein, aber die Ehre und die Freude sind mit Trauer gemischt, weil wir ihn vor Kurzem verloren haben.

Ihr jüngstes Buch, das Sie zusammen mit Ihrer Tochter Fania Oz-Salzberger geschrieben haben, heißt »Juden und Worte«. Es geht darin um Tanach und Talmud, die hebräische Bibel und deren Auslegung. Wieso kommen Sie, als säkularer israelischer Jude, heute mit der Bibel?
Meine Tochter und ich haben ein Buch geschrieben über Judentum als Zivilisation und nicht als Religion. Sie und ich sind darin oft anderer Meinung, Teile des Buchs sind ein Streitgespräch. Und dieses Gespräch, diese Debatte ist der Kern. Jüdische Zivilisation war in guten Zeiten immer eine generationenübergreifende Debatte über die Interpretation von Texten. Ein Hinzufügen von Texten zu Texten, das Schreiben von neuen Texten auf Grundlage alter Texte. Das ist, in meinen Augen, die Crux der jüdischen Zivilisation. Es ist eine verbale Zivilisation. Eine Zivilisation des Zweifels, des Streits. Viele würden mir nicht zustimmen. Orthodoxe Juden würden sagen, entscheidend seien Synagoge, Tora und Talmud. Für mich gehören Tora und Talmud zu den wunderbarsten Texten, die Juden je geschaffen haben. Aber sie sind nicht exklusiv. Für mich gehören auch die Worte von Jesus zum Judentum. Für mich ist die moderne säkulare hebräische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts eine enorme Erweiterung des jüdischen Erbes.

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