Die Fraktalität des Wissens


Schwarz (linke y-Achse): Anzahl neuerschienener Artikel in PubMed; Grau (rechte y-Achse): Veränderung der Erscheinungszahl zum Vorjahr. Graue Linie: Mittlere Veränderung. Rot: Exponentielle Regressionslinie.
Es ist ein Gemeinplatz, dass das verfügbare Wissen der Menschheit sehr schnell wächst. Genauer müsste man vielleicht sagen: die verfügbare Information, aber ich möchte zwischen diesen Begriffen hier nicht unterscheiden. Dieses Wachstum gilt für die Zahl gedruckter Bücher ebenso wie für Information im Internet, und natürlich auch für wissenschaftliche Publikationen. Man sieht das hier beispielhaft für die Zahl der Einträge in PubMed.

Von Konrad Lehmann|TELEPOLIS

Das ist die Datenbank, die alle medizinischen und biologischen Zeitschriftenartikel verzeichnet. Wie man sieht, werden von Jahr zu Jahr mehr Artikel veröffentlicht. Und nicht nur das: Die Zunahme scheint sich zu beschleunigen. Eine Regression bestätigt das: Eine Exponentialfunktion passt mit einem Bestimmtheitsmaß von R²=0,97. Die jährliche Zunahme beträgt laut der gefitteten Gleichung ebenso wie laut Durchschnitt (graue Linie) der Veränderungen, rund 4%. Jahr um Jahr produzieren die Lebenswissenschaftler der Welt durchschnittlich 4% mehr Artikel als im Jahr davor.

Man darf annehmen, dass das in anderen Wissenschaften nicht anders ist. Die jährliche Zahl der Publikationen nimmt exponentiell zu. Nun ist exponentielles Wachstum immer etwas, das einen stutzig machen sollte. Wir Menschen können mit exponentiellen Prozessen intuitiv nicht umgehen. Unsere kognitive Ausstattung ist nicht dafür eingerichtet. Wenn etwas exponentiell geschieht, nennen wir es meistens: plötzlich. „Plötzlich war das Brot verschimmelt!“

Innerhalb eines begrenzten Systems – wie etwa unserer Erde – ist länger andauerndes exponentielles Wachstum offenkundig unmöglich. Für kurze Zeit ist es Bestandteil fast jeden natürlichen Wachstumsprozesses. Aber wenn es außer Kontrolle gerät und nicht durch eine negative Rückkopplung gebremst wird, dann ist es nahezu zwangsläufig zerstörerisch.

So sind denn auch die exponentiellen Prozesse, die einem als erste einfallen, eher unerfreulicher Art: Bakterien auf einem Nährmedium – Schimmel – Krebs – das Wachstum von Geldguthaben und Geldschulden – eine Atombombenexplosion. Was die zerstörerische Gewalt betrifft, hätte ich die letzten beiden Beispiele möglicherweise in ihrer Reihenfolge vertauschen müssen.

Als Wissenschaftler hat man also Teil an einem seit mindestens sechzig Jahren exponentiell wachsenden Prozess, und fragt sich: Wie kann das gut gehen? Und andererseits: Warum ist das überhaupt so? Warum kann das wissenschaftliche Wissen nicht linear wachsen? Oder logistisch einer Sättigung zustreben? Oder sonst etwas Harmloses tun?

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