Der Terror des IS—Ideologie, Akteure und Faktoren


IS-Plakat: „Wir treten auf von Menschen gemachte Gesetze.“ Bild: heise.de
Ziel dieses Textes ist es, eine Zusammenfassung der historischen Hintergründe und Faktoren zu geben, die für eine Auseinandersetzung mit dem Islamismus und den Ereignissen um Syrien, Irak und Rojava unerlässlich sind. Zugleich möchte ich damit eine Diskussion über die Haltung progressiver Gruppen in Deutschland zu dem Thema anregen. Hierzu werde ich insbesondere im zweiten Teil einige Kritikpunkte zusammentragen, die mir für diese Diskussion wichtig erscheinen. Der vorliegende erste Teil konzentriert sich auf die Hintergründe.


Von Serdescht Qalender|TELEPOLIS

Der sogenannte arabische Frühling, der sich anfangs als unorganisierte zivile Bewegung in den muslimischen Ländern entwickelt hat, wurde von Jugendlichen und Frauen getragen, die sich „westlichen Werten“ und Lebensweisen nahe fühlten. Sie wollten mehr Demokratie und Freiheit, einen säkularen Staat, sie forderten soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte, sie waren progressiv und revolutionär. Es war ein plötzliches Aufbegehren, das sich wie eine Welle erhob und alles zu erfassen schien: ein bisschen Anarchie und ein bisschen Romantik – ein menschlicher Aufstand gegen religiöse, traditionelle und staatliche Unterdrückung. Diese spontane und friedliche Bewegung hat totalitäre Regime bedroht und vermochte es in manchen Ländern wie Tunesien, Ägypten und Libyen innerhalb kurzer Zeit, Diktaturen zu stürzen.

Der arabische Frühling wurde aber nicht von der ganzen Gesellschaft getragen; in allen Ländern gab es auch Gruppen, die ihre Privilegien nicht verlieren wollten und das alte Regime unterstützten. Viele, die sich den Jugendlichen im Laufe der Proteste anschlossen, waren auch konservativ oder reaktionär und beteiligten sich aus ihren eigenen Gruppeninteressen, die den ursprünglichen Freiheitsideen der Bewegung entgegengesetzt waren.[1]

Während die Welt von dieser Bewegung begeistert war, begannen Nachbarländer, sie zu manipulieren und in die Irre zu führen, um nicht selbst in den Sog der Aufstände zu geraten. Aber auch die USA und Europa, die ihre stabilen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen mit den Diktaturen der Region durch allzu demokratische und soziale Entwicklungen gefährdet sahen, versuchten alsbald, Teile der Bewegung unter ihren Einfluss zu bringen.

Als das Geschehen Libyen erfasste, reagierte die NATO unter Führung von Gaddafis ehemals guten Freunden Sarkozy und Berlusconi überraschend schnell. Sie bewaffnete radikale Gruppen aus nordafrikanischen Nachbarländern sowie aus Libyen selbst und unterstützte deren Kämpfe mit Luftangriffen gegen Gaddafi. Nach dem Erfolg dieser Strategie durch den Sturz Gaddafis hatten Italien, Frankreich und die übrigen Länder der NATO vor Ort neue Freunde: Islamisten, darunter vor allem Salafisten. Sowohl in Libyen, als auch in anderen arabischen Ländern, die sich von der freiheitlichen Bewegung des arabischen Frühlings bedroht sahen, setzten regionale Kräfte ebenso wie die NATO auf Islamisten.

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