„Die Dschihadisten waren immer auch Spiegel der gewalttätigen Strukturen ihrer Herkunftsländer“


Deutsche im IS-Krieg - Nur über die anderen lesen wir nichts in der Presse © Sara @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Deutsche im IS-Krieg – Nur über die anderen lesen wir nichts in der Presse © Sara @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Der Islamwissenschaftler Behnam Said über den Dschihadismus, den Islamischen Staat und die Ausbreitung der wahhabitischen Lehre
Der 32 Jahre alte Islamwissenschaftler Behnam Said arbeitet als wissenschaftlicher Referent für den Nachrichtendienst der Hansestadt Hamburg. Vor kurzem ist sein Buch „Islamischer Staat. IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden“ erschienen, in dem er sich besonders mit den Deutschen beschäftigt, die sich dem Dschihad anschließen.


Von Ramon Schack|TELEPOLIS

Herr Said, der 1966 in Ägypten hingerichtete Theoretiker der Muslimbrüder Sayyid Qutb propagierte zu seinen Lebzeiten, dass die islamische Welt in einem unislamischen Zustand der „Unwissenheit“ lebe, im Zustand der Dschahiliyya. Qutb propagierte, dass es heute keine islamische Welt mehr gebe. Selbst islamische Staaten seien vom Glauben abgefallen. Die jetzige Welt müsse zerstört und auf deren Trümmern das globale islamische Kalifat errichtet werden. Inwiefern dienen diese Thesen dem Islamischen Staat heute als theoretische Grundlage oder als Rechtfertigung für die bisherige Strategie?

Behnam Said: Sayyid Qutb spielt in den offiziellen Verlautbarungen des IS so gut wie keine Rolle. Allerdings hat Qutb mit seinen Gedanken die gesamte dschihadistische Bewegung beeinflusst, aus welcher der IS hervorgegangen ist. Wesentlich in Qutbs Argumentation war ja, dass alle muslimischen Gesellschaften und insbesondere die muslimischen Herrscher von der „wahren“ Religion so weit entfernt seien wie die Menschen vor der Zeit des Islams und dass durch den aktiven Kampf einer Avantgarde die Macht an Gott „zurückgegeben“ werden solle, um das „Königtum Gottes auf Erden“ zu errichten.

Dies ist der ideologische Rahmen, auf den sich direkt oder indirekt alle Dschihadisten beziehen. Qutb entwickelte seine Gedanken als Mitglied der ägyptischen Muslimbruderschaft (MB). Er repräsentierte den revolutionären Flügel, von dem sich die Organisation ab den 1960er Jahren zunehmend distanzierte. Der IS versucht jedoch größtmögliche Distanz zu Gruppen wie der MB zu wahren, ebenso wie zu dschihadistischen Gruppen die sich in der Tradition des MBler Qutb sehen – wie etwa Jabhat al-Nusra. Es geht dem IS um den Aufbau eigener Traditionen. Dies erkennt man etwa auch daran, dass die Gruppe keine etablierten Kampfgesänge der Dschihadisten verwendet, die ebenfalls ihre Ursprünge im radikalen Umfeld der MB haben, sondern eigene Lieder produziert.

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