Wie das jüdische Ritualbad zum Politikum wird


Reinigung und Wandel: Ein orthodoxer Jude taucht mit seinem Sohn in einer Mikwe ein, dem jüdischen Ritualbad, das zu den ältesten Institutionen des Judentiums gehört. Nun wird sie zum Mittel des Protestes Foto: Getty Images
Kaum ein jüdischer Brauch ist so alt wie das rituelle Eintauchen. Doch nun kommt Bewegung in die Badekultur. Frauen wollen sie reformieren – und plötzlich steht sie im Zentrum des Nahost-Konflikts.


Von Gil Yaron|DIE WELT

„Die Mikwe, das ist Segen. Das ist die ultimative Verbindung von Himmel und Erde“, sagt Felicia Citron stolz, und rückt die Baskenmütze auf ihrem grauen Schopf zurecht. Das, wovon sie spricht, würden Nichtjuden vielleicht als Wanne bezeichnen. Aber die Mikwe ist mehr als ein Bad: Seit Jahrtausenden dienen Mikwaot, so der Plural, rituellen Waschungen. Sie sind mit mindestens 350 Liter Wasser gefüllt, und werden von einer Dame wie Frau Citron beaufsichtigt, einer Balanit. Das Wort stammt vom griechischen Balaneus, also Bademeister. Hier, in ihrer Frauenmikwe im Jerusalemer Stadtteil Har Homa herrscht fast überirdische Keimfreiheit.

Alles ist hell gestrichen und in bestem Zustand. An einem langen Flur reihen sich kleine Umkleidezimmer aneinander – mit jeweils zwei Türen. „Frauen wollen oft nicht, dass man sieht, wann sie zur Mikwe gehen“, erklärt Frau Citron. „Nicht mal ihre Kinder erfahren das. Es ist sehr privat.“ Denn das Eintauchen ist für religiöse Frauen nach der Monatsblutung Pflicht, bevor sie wieder mit ihrem Ehemann schlafen dürfen. Deswegen ist die Balanit „die Einzige, die alles weiß“, weil sie „die ganze Prozedur von der Umkleidekabine bis zum Bad begleitet“, sagt Citron. Schließlich ist die Mikwe für gläubige Juden ein ganz besonderes Bad: „Sie ist das Tor, das Mann und Frau wieder zusammenführt.“

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