Zeithistoriker mahnt: Deutsche Politik reagiert nicht auf Religionsvielfalt


Wer unser Wertefundament nur religiös begründet, rutscht in die Falle, in die Pegida uns hineinmanövrieren will. (Foto: Flickr/ play of light in santhome church by Vinoth Chandar CC BY 2.0)
Gehört der Islam wirklich zu Deutschland? Für weit verbreitete Vorurteile und Ängste macht ein Historiker jahrzehntelangen Stillstand in der Politik verantwortlich. Es fehle an einem pluraleren Verständnis von Religion.


Deutsch Türkische Nachrichten

«Der Islam gehört zu Deutschland» – Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich dieses Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff zu eigen gemacht. Dennoch gelingt es der Anti-Islam-Bewegung Pegida, Woche für Woche viele Tausende Anhänger auf die Straße zu bringen. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur macht der Zeithistoriker Thomas Großbölting der Politik Vorwürfe.

Frage: In dieser Woche hat Bundeskanzlerin Merkel mehrfach den Satz von Ex-Präsident Christian Wulff aufgegriffen, der Islam gehöre zu Deutschland. Tut er das denn?

Thomas Großbölting: Der Islam und vor allen Dingen die Muslime, die in Deutschland leben, gehören ohne Zweifel zu Deutschland. Allerdings spiegelt dieser Satz nach wie vor nicht die Realität in unserem Land wider. Es gibt – und das zeigen die Pegida-Bewegung genauso wie Meinungsumfragen – viele Deutsche, die den Islam und seine Anhänger für bedrohlich halten. Es gibt also weiterhin eine große Distanz, die vor allem auf Unkenntnis basiert.

Frage: Woher kommt das?

Thomas Großbölting: In der Bundesrepublik Deutschland gibt es ein tief eingeprägtes, auch durch die Politik gestütztes kulturelles Verständnis von dem, was als Religion legitim und gesellschaftlich angemessen ist. Zugespitzt gesagt ist das ein angepasstes und in vielerlei Hinsicht laues Christentum, das die bundesrepublikanische Normalmoral in höchstem Maße bedient: Diese Form der Religion ist nicht anstößig, sie bringt keine großen Debatten auf, sie stört nicht. Stattdessen liefert sie die gefragte religiöse Folklore und fügt sich damit problemlos zur Lebensweise der größeren Mehrheit in diesem Land. In diesem solchermaßen vorgeprägten Feld fällt es schwer, andere Religionen, die – je nach Sichtweise – vitaler oder anstößiger sind, zu integrieren.

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3 Comments

  1. Das ist der „casus knacktus“
    „Am Ende läuft der ganze Akzeptanz-Zinnober dann charakteristischerweise auf staatliche Privilegierung hinaus“.

    Die 3 Buch-Religionen sowie 4.350 Sekten behaupten jeder ihrer 3.000 all-mächtigen Götter beherrscht die Welt, wobei jeder Religiot einzig seinen Gott für wahr hält, alle anderen sind Betrüger. Den fetten Kuchen in der BRD mit jährlich 20 Milliarden € teilen sich die beiden Amtskirchen durch das Konkordat als rein katholisch inzenierte Abzocke

    Der Vorsitzende der Zentrumspartei RKK Prälat Dr.Dr. Ludwig Kaas sorgt im März 1933 per Verfassungsbruch für die Annahme vom „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ und „Ermächtigungs Gesetz“. Schon auf dem Katholikentag 1929 verrät er das RKK Vorhaben
    „Niemals ist der Ruf nach einem Führertum großen Stils lebendiger und ungeduldiger durch die deutsche Volksseele gegangen als in den Tagen, wo die vaterländische und kulturelle Not uns allen die Seele bedrückt“.
    SA- und SS-Schergen, mehrheitlich Asoziale, Kriminelle und Ungebildete untersten Schichten, feiern mit RKK Hilfe in Uniform das Reichskonkordat mit speziellen Gottesdiensten.

    Heute müssen die Amtskirchen lieb und nett zu den Muslimen sein, gilt doch das Prinzip der Gleichstellung aller großen Religionen. Abgeben vom Geldsegen wird man nichts und die Abschaffung des Konkordats muss um jeden Preis verhindert werden.

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  2. Der Beitrag ist ein Cluster von exzellenten Beispielen intellektueller Konfusionstechnik.

    Die bundesrepublikanische Gesellschaft ist relativ friedlich und zivilisiert. Dies beruht ganz wesentlich darauf, dass die Ansprüche von politischen und religiösen Heilsideologien eingedämmt sind. Überall wo diese Ansprüche „vital“ waren oder sind, herrschten und herrschen mehr Gewalt und Unfrieden, gleich ob offiziell legitimiert oder inoffiziell. Das ist in Nordkorea oder den arabischen Staaten ebenso zu sehen wie im Milieu von US-Evangelikalen oder afrikanischen Fundamentalisten.

    „Lauheit“ und „Angepasstheit“ in religiöser Hinsicht sind zentrale Voraussetzungen einer zivilen, toleranten Gesellschaft, jedenfalls sofern es sich um Religionen mit der Anlage nach totalitären Ansprüchen handelt, wie Islam und Christentum. Welche Diskussionen sind denn mit „vitalen“ Vertretern zu führen, bei denen es sich doch in aller Regel um (ohnedies Argumenten unzugängliche) Dogmatiker, wenn nicht Fanatiker handelt? Ob Homosexuelle nicht doch die Todesstrafe verdienen usw.? Das gilt für das christliche Milieu nicht minder. Was will man denn mit Pius-Brüdern als zweifelsohne „vitalen“ Vertretern ihrer Religion erörtern? Dass alle Religionen außer dem Katholizismus verboten gehören, dass „der Irrtum“ keinerlei Rechte besitzt usw.?

    Das Problem liegt darin, dass der für eine Integration wesentliche Mentalitätswandel in den „vitalen“ Gemeinschaften selbst stattfinden muss, damit diese nämlich „lau“ genug werden, um in einer zivilen Gesellschaft – und nicht einem Gottesstaat – einen Platz zu haben. Es war und ist für mich nicht zu erkennen, dass „vitale“ Vertreter die Gesellschaft bereichern. Bereichern ist etwas anderes als hinzuaddieren; sonst würden nämlich auch Nazis bereichern. Jedenfalls fallen mir die „vitalen“ Vertreter nicht durch besondere intellektuelle Leistungen und emotionale Differenzierung auf.

    Dass es in der hiesigen „Intelligenz“ (ich spare es mir, Namen zu nennen) Leute gibt, die mit einem gewissen Neid auf die „Vitalität“ des Islam schauen, scheint mir bezeichnend für das intrinsische totalitäre Element von Religionen überhaupt sowie die Faszination, der eine bedürftige „Intelligenz“ so rasch erliegt, gleich ob Kaiser oder Adolf oder Mao. Gottseidank ist das derzeit zurückgedrängt, und es sollte auch nicht in einer zunehmend konfliktgeladenen Gesellschaft und Welt durch „vitale“ Vertreter wieder eingeführt werden. Überhaupt scheint mir durch die Geschichte hindurch die Faszination gerade von „Intellektuellen“ durch „vitale“ Ideologien bemerkenswert. Hie Salonbolschewismus, dort Salonkatholizismus, und da wieder ein anderes für die edlen Ästheten. Die Zeche im realen Leben zahlen ja ohnedies eher die anderen.

    Wenn am Ende dann die Phrase „religiös unmusikalisch“ kommt, überrascht das nach dem Gesagten nicht mehr. Wer musikalisch ist, kann ohnedies über diese gedankenlose Phrase nur den Kopf schütteln, doch lassen wir das. Um es jedoch zugespitzt zu sagen: nicht religiös, d.h. in einer dem Wahn und der Zwanghaftigkeit affinen Weise, musikalisch zu sein ist die Voraussetzung dafür, die Vielfalt der Klänge des Lebens zu hören, ohne sie in ein Hörschema zu pressen, und sie darüber hinaus durch eigenes, innovatives Schaffen zu bereichern. Auch lobe ich mir die religiös Unmusikalischen, da sie eine Voraussetzung mitbringen, um human musikalisch zu sein.

    Am Ende läuft der ganze Akzeptanz-Zinnober dann charakteristischerweise auf staatliche Privilegierung hinaus. Werden wir dann analog Arbeitgeber in Kindergärten, Krankenhäusern usw. haben, die nicht-muslimische Menschen nicht einstellen? Eine Bereicherung, die wir dann per „Mentalitätswandel“ akzeptieren müssen? Wann werden eigentlich Nichtgläubige privilegiert, gibt es dazu Vorschläge? Chapeau!, Herr Großbölting.

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