Päpstliche „Laudatio“ auf Hitler


Der rege Konkordatspolitiker Nuntius Eugenio Pacelli im August 1929 vor dem Preußischen Staatsministerium. Bild: Deutsches Bundesarchiv (102-08226). Lizenz: CC-BY-SA-3.0
Der Anteil des Rechtskatholizismus am Scheitern der Weimarer Demokratie ist nicht gering. Ein Mammutwerk des Historikers Christoph Hübner sorgt für mehr Klarheit


Von Peter Bürger|TELEPOLIS

Beim Zusammenbruch des Kaiserreichs fürchteten die römisch-katholischen Oberhirten eine radikale Trennung von Kirche und Staat oder gar eine revolutionäre Kirchenverfolgung. Indessen gewährte die Weimarer Republik den Kirchen alsbald den privilegierten Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, sicherte den konfessionellen Religionsunterricht an Schulen und ermöglichte eine Freiheit der Kirche, wie sie zuvor in Deutschland nie bestanden hatte. Die römische Kirchenleitung hätte allen Grund gehabt, der Republik und insbesondere auch der katholischen Zentrumspartei (sowie der Sozialdemokratie) für all dies Dankbarkeit zu erweisen. Indessen konnte sie bezogen auf „Rechtsansprüche“ den Hals nicht voll genug bekommen und schenkte zunehmend rechtskatholischen Republikfeinden ihr Gehör.

Am Ende waren ihr der Fetisch „Konkordats-Politik“ und das aberwitzige Vorhaben einer kirchenfreundlichen Zähmung der Hitler-Bewegung wichtiger als das Wohl des Gemeinwesens und der politische Katholizismus in Deutschland, ohne dessen Mitarbeit ein Fortbestand der bedrohten Demokratie doch kaum denkbar erschien. Dem kirchenpolitischen Strategen Eugenio Pacelli (ab 1939: Pius XII.) war an moderner Demokratie allerdings auch noch gar nicht gelegen (Katholizismus und Freiheit).

Die klassischen Forschungskontroversen und Apologien zu diesem Komplex, gut zusammengefasst in Olaf Blaschkes Reclam-Band „Die Kirchen und der Nationalsozialismus“ (2014), beziehen sich in erster Linie auf Ereignisfolgen des Jahres 1933. Einen anderen Zugang vermittelt Christoph Hübner in seiner unlängst veröffentlichten Dissertation „Die Rechtskatholiken, die Zentrumspartei und die katholische Kirche in Deutschland bis zum Reichskonkordat von 1933“ (2014), die im Untertitel als „Beitrag zur Geschichte des Scheiterns der Weimarer Republik“ ausgewiesen ist.

Indem Hübner den – keineswegs homogenen – Rechtskatholizismus auf fast 900 Seiten erstmals systematisch und für einen langen Zeitraum beleuchtet, kommen bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Ideologien, Argumentationsmuster, Akteure, Publikationsorgane, Netzwerke und Strategien zum Vorschein. In diesem größeren Zusammenhang können z.B. bislang unterbewertete Quellen neu interpretiert und Intentionen sichtbar gemacht werden. Das trägt auf mitunter verblüffende – oder erschreckende – Weise zur Entwirrung eines Knäuels aus vermeintlichen „Zufällen“ bei.

Das teure Buch hat der Hersteller miserabel geleimt, was dem explosiven Inhalt wirklich nicht angemessen ist. Nur durch eine breitere Rezeption kann verhindert werden, dass sich die unselige Schule der apologetischen Kirchengeschichtsschreibung an den hier vorgelegten Forschungsergebnissen in üblicher Weise vorbeimogelt. Auch deshalb möchte ich in diesem Beitrag die wichtigsten Zusammenfassungen aus meinen persönlichen Lektürenotizen – nebst einigen Ergänzungen aus der Regionalforschung – vermitteln.

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