Slavoj Žižek: Ein Philosoph schreibt einen Porno über das Denken


Slavoj Žižek in Liverpool, England, 2008, Bild: wikimedia.org/CC BY-SA 2.0
Anderthalbtausend Seiten über Hegel, und dann auch noch von Slavoj Žižek: Muss man „Weniger als nichts“ jetzt wirklich lesen? Ja, muss man, unbedingt. Es ist eine große Explosion des Denkens.


Von Andreas Rosenfelder|DIE WELT

Es ist schon ein ziemlicher Hammer, dass Bücher auch Objekte der physischen Welt sind. Denn es gibt nichts, was weniger greifbar wäre als der Inhalt eines Buchs, die Substanz, die in ihm steckt. Gedanken, Begriffe, Ideen – im strengen Sinn existiert das alles ja gar nicht, und wenn man zu lange und zu intensiv darüber nachdenkt, was es damit so auf sich hat, dann wird man irre oder doch zumindest seltsam.

Das ist ja auch der Grundverdacht gegen alle Philosophie: Dass sie ein Hobby für Spinner ist, die wirre Dinge reden und denen man eigentlich einen Schwerstbehindertenausweis um den Hals hängen müsste, weil sie mit all den verrückten Ideen im Kopf gar nicht überlebensfähig sind in der echten, wahren, zweifellos vorhandenen Realität.

Allen, die so denken, würde man gerne das neue Buch von Slavoj Žižek an den Kopf werfen, damit sie spüren, wie sehr sie sich irren. Es ist 1408 Seiten stark und ziemlich schwer, und selbst in ungelesener Form demonstriert es auf perfekte Weise seinen Gegenstand: dass nämlich etwas so Leichtes und Ungegenständliches wie das Denken – „Weniger als nichts“, wie der Titel des Buches heißt – der allerstärkste Beweggrund von allen sein kann, eine Triebkraft, die nicht nur die angeblich entrückte Sphäre der Ideen beherrscht, sondern auch die gesamte Wirklichkeit unablässig verformt.

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