Missbrauchsskandal: Unter Korpsgeistern


missbrauch_katholVor fünf Jahren wurde der Missbrauchsskandal öffentlich. Nun beleuchtet ein Kinofilm die kirchlichen Strukturen, die ihn begünstigten. Ein Gespräch über beschädigte Eliten und falsch verstandene Solidarität.


ZEIT ONLINE

Frage: Sie waren Priesteramtskandidat. Dann warfen Sie alles hin und wurden Filmemacher. Ihr erster Spielfilm handelt nun vom Umgang der Kirche mit dem Thema Missbrauch. Warum kommen Sie von der Kirche nicht los?

Gerd Schneider: Sie gehört zu meinem Leben. Als ich an die Filmhochschule ging, kehrte ich ihr nur scheinbar den Rücken. Ich fing an, alles zu hinterfragen, meinen Glauben, meinen Blick auf Kirche, mein Selbstverständnis.

Frage: Wie haben Sie sich als angehender Priester gesehen?

Schneider: Wir hatten alle das Gefühl, Teil einer Elite zu sein, Mittler zu sein zwischen Mensch und Gott. Wir waren ein bisschen wie Soldaten. Wir gehorchten Befehlen und waren stolz auf den Korpsgeist unserer Truppe. Irgendwann hatte ich keine Kraft mehr, weil ich mich nicht mehr damit identifizieren konnte. Da habe ich etwas anderes gemacht.

Frage: In Ihrem Film Verfehlung ist der Korpsgeist genau das Problem: Dominik, ein Priester, hat sich an zwei Teenagern vergangen. Sein Mitbruder Jakob will die Sache aufklären und scheitert an einer Institution, die vor allem mit sich selbst und nicht mit den Opfern solidarisch ist. Ist das typisch katholisch?

Schneider: Nein. Eine derart verzerrte Wahrnehmung liegt in der Natur von Systemen. Da unterscheidet sich die Kirche kaum von einer Investmentbank, die sich keiner Schuld bewusst ist, wenn sie Milliarden verzockt.

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