„Gregor Mendel war kein Fälscher“


Gregor Mendel, Bild: science.orf.at
Vor 150 Jahren, am 8. Februar 1865, hat Gregor Mendel eine Studie veröffentlicht, die ihn postum berühmt machen sollte. Der amerikanische Wissenschaftshistoriker Sander Gliboff dekonstruiert in einem Interview einige Mythen, die über den Brünner Mönch und Erbsenzüchter erzählt werden.


Interview: Robert Czepel|SCIENCE ORF.at

Dass er dereinst Daten gefälscht haben könnte – wie Forscher vermuteten – hält Gliboff für sehr unwahrscheinlich: „Mendel war ein ehrlicher Mann.“

Die Revolution im Klostergarten hatte jedenfalls einen leisen Beginn. Der „Vater der Genetik“ war weder Darwinist noch wusste er etwas über die Existenz der Gene.

science.ORF.at: Warum ist Mendel heute noch wichtig? Wie sehen Sie seine wissenschaftshistorische Rolle?

Sander Gliboff: Es gibt einen Mythos, der Gregor Mendel begleitet: Es heißt, er sei ein Mann gewesen, der seiner Zeit voraus war und im Jahr 1865 die grundlegenden Prinzipien der Genetik entdeckt habe – in dieser Darstellung ist das 20. Jahrhundert einfach eine Fortführung dessen, was Mendel mit seiner Entdeckung angestoßen hat.

Aber die Geschichte ist komplizierter. Mendels historische Leistung besteht darin, zwei unterschiedliche Wege, über Vererbung nachzudenken, zusammengeführt zu haben. Mendel war einerseits Pflanzenzüchter, aber er hat sich dem Thema auch über die Theorie genähert. Ob wir Mendel heute noch lesen müssen, ist für mich nicht so eindeutig. Die Genetik hat sich zur Molekulargenetik weiterentwickelt – sie hat mit Mendels Denken nur mehr wenig zu tun.

Immerhin verdanken wir Mendel die Erkenntnis, dass das Erbgut eine körnige Struktur hat. Es besteht aus Genen, wie wir heute sagen.

Ja, natürlich. Allerdings war Mendel sehr vage, wenn es um die Frage nach dem Aufbau des Erbguts ging. Es ist nicht klar, ob er beim genetischen Material an Partikel dachte. Das ist eine Leseweise, die meiner Meinung nach erst im 20. Jahrhundert entstanden ist.

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