T.C. Boyle: „Jeder Fundamentalismus ist rechtsradikal“

„Was ist der Sinn unseres Lebens? Nun, es gibt keinen“: Die Weltsicht des Schriftstellers T.C. Boyle hat sich in den letzten Jahren schwer verfinstert Foto: picture alliance / GEORG HOCHMUT
Der Schriftsteller T.C. Boyle untersucht in seinem neuesten Buch „Hart auf hart“ die Waffenkultur der amerikanischen Gesellschaft. Im Gespräch erzählt er, was Islamisten mit Amokläufern gemein haben.


Von Wieland Freund, Felix Zwinzscher|DIE WELT

Tom Coraghessan Boyle ist in Deutschland, sein fünfzehnter Roman „Hart auf hart“ (Hanser, 396 S., 22,90 €) darf mit einer Lesung in Berlin am morgigen Mittwoch sogar offiziell Weltpremiere feiern – auf den Bestsellerlisten steht er seit Erscheinen. Boyle, 1948 im Staat New York geboren und seit vielen Jahren in Santa Barbara zu Hause, erzählt darin die Geschichte eines psychisch labilen Waffennarren, der in den Wäldern Kaliforniens illegal Drogen anbaut und in Wahnvorstellungen versinkt. Sein Vater, ein Vietnamveteran, oder seine Geliebte, eine staatsfeindliche Rechte mit Hang zu Verschwörungstheorien, können ihn nicht davor bewahren. „Hart auf hart“ ist ein Roman über fundamentalistische Gewalt. Die erste Nachricht, die T.C. Boyle auf europäischem Boden erreichte, kam aus Kopenhagen.

Die Welt: Waren die Attentate von Kopenhagen ein Déjà-vu für Sie?

T. C. Boyle: Sicher. Aber traurigerweise ist das ungefähr die achte Bluttat, seit ich den Roman abgeschlossen habe. Auch wenn es einen Unterschied gibt zwischen islamistischen Fundamentalisten, die uns einbläuen wollen, dass es in westlichen Demokratien doch keine Redefreiheit gibt, und dem Fall, den ich im Roman schildere. Das Programm der islamistischen Fundamentalisten ist furchtbar, aber sie haben eines. Die amerikanischen Amokläufer haben vor allem Probleme, ihren Platz in der Welt zu finden. In einer Gesellschaft, in der es nicht an jeder Ecke automatische Waffen gibt, wären sie vielleicht bloß mit einem Messer auf jemanden losgegangen oder hätten Selbstmord begangen.

Die Welt: Das Problem ist bekannt. Nur scheinen auch Europas strengere Waffengesetze nicht zu helfen.

Boyle: Die Lage eskaliert. Grundschüler werden Opfer von Amokläufen. Nachahmungstaten nehmen zu, und dabei geht es leider auch oft um Überbietung.

weiterlesen

Studie belegt: Kirchenasyle verhindern staatliche Fehlentscheidungen

Eine Kirch in Frankfurt © friedenspanzer @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Fast alle geplanten Abschiebungen wurden nach einem Kirchenasyl ausgesetzt. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie. Bundesinnenminister de Maizière sieht das anders. Er warf den Kirchen Missbrauch vor. „Fast alle geplanten Abschiebungen wurden nach einem Kirchenasyl ausgesetzt. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie. Bundesinnenminister de Maizière sieht das anders. Er warf den Kirchen Missbrauch vor.


MiGAZIN

In der Kontroverse um das Kirchenasyl springen Migrationsforscher den christlichen Gemeinden bei. Eine Studie des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien belege, dass Kirchenasyle in der Regel Betroffene vor staatlichen Fehlentscheidungen bewahrten, teilte die Uni Osnabrück am Montag mit. Im Jahr 2013 seien beispielsweise zu 95 Prozent die zuvor geplanten Abschiebungen nach dem Kirchenasyl ausgesetzt worden. “Das Kirchenasyl ist nicht verfassungsrechtlich problematisch”, sagte die Projektleiterin Helen Schenken. “Vielmehr stellt es ein Korrektiv zu den staatlichen Abschiebeentscheidungen dar.”

weiterlesen

Austria: Grüne wollen neutrales Fach „Ethik und Religionen“

Themenbild.Bild: katholisches.info
Themenbild.Bild: katholisches.info
Ein Fach ohne speziellen weltanschaulichen Hintergrund soll den Religionsunterricht ersetzen.


Die Presse

Für einen verpflichtenden, weltanschaulich möglichst neutralen „Ethik- und Religionenunterricht“ im Umfang von zwei Stunden pro Woche für alle Schüler sprach sich heute, Mittwoch, der Bildungssprecher der Grünen, Harald Walser, aus. Der konfessionelle Religionsunterricht befinde sich „in der Krise“ und sollte zukünftig gesondert und nur auf freiwilliger Basis angeboten werden.

Themen wie Gewalt, die Stellung der Frau

Da der bisherige Religionsunterricht immer weniger Schüler erreiche, sei es umso wichtiger, dass Themen wie Gewalt, die Stellung der Frau in der Gesellschaft oder Standpunkte zur Todesstrafe in den Klassen gemeinsam und unter Anleitung diskutiert werden. Das wäre auch eine Möglichkeit, der möglichen Radikalisierung von Schülern entgegenwirken, so Walser bei einer Pressekonferenz in Wien. Er werte die Vorstöße in Richtung „Ethikunterricht“ aus der ÖVP in den vergangenen Wochen als Zeichen, dass die Volkspartei ihre bisherige Blockade aufgebe.

weiterlesen

Atheists, Humanists Take Up Slain Chapel Hill Muslims‘ Cause

waffe,-projektilAtheists and other nonbelievers have pitched in more than $20,000 to support the pet charity of one of the three Muslim students slain in North Carolina last week, allegedly by a man who harbored anti-theist sentiments.


By Kimberly Winston|The Huffington Post

One of the slain students, Deah Shaddy Barakat, 23, was a graduate dental student at the University of North Carolina and planned to travel with the Syrian American Medical Society Foundation to Syrian refugee camps. He was shot and killed along with his wife, Yusor Mohammad Abu-Salha, 21, and sister-in-law, Razan Mohammad Abu-Salha, 19, in what police say may have started as a neighborhood parking dispute.

Barakat’s cause has now been adopted by atheists, humanists and other nonbelievers who are raising funds for SAMS in his name. The drive has so far collected $20,125 a week after the killings were committed on Feb. 10.

“We are very happy with the response,” said Dale McGowan, executive director of Foundation Beyond Belief, a humanist organization that encourages giving among nonbelievers. “This is about the response we would get for a natural disaster.”

As of Tuesday (Feb. 17), Barakat’s crowd-sourced fundraising campaign had raised nearly $450,000; the original goal had been $20,000.

read more

Netanjahus Aufruf sollte Europäern zu denken geben

Vor der Synagoge in Kopenhagen, wo der Wachmann einer Bat-Mitzwa erschossen worden war, liegt ein Blumenmeer als Zeichen der Anteilnahme . AP
Premier Netanjahu fordert jüdische Europäer auf, nach Israel auszuwandern. Europa biete ihnen als Individuen keinen Schutz mehr. Der Kontinent verliert sein freiheitlich-demokratisches Gesicht.


Von Gil Yaron|DIE WELT

Mit seinem Aufruf, nach Israel auszuwandern, sagt Israels Premier Benjamin Netanjahu eigentlich nur, was der Zionismus seit jeher fordert: alle Juden der Welt in einem Staat zu einen. Vielen mag Netanjahus Aufforderung anachronistisch erscheinen – schließlich ist die Ära homogener Nationalstaaten längst vorbei.

Zudem wird die zionistische Definition der Juden als Nation, die zusammengehören wie Deutsche, Franzosen oder Italiener, der komplexen jüdischen Identität nicht gerecht: Viele mögen sich als Schicksalsgemeinschaft betrachten. Judentum ist aber mehr: Es ist Religion, Kultur, Geschichte, Tradition, alles das und nichts von alldem – nach jeweiliger individueller Gewichtung.

Am meisten empört Netanjahus Aufruf jedoch, weil er maßlos übertrieben scheint: Auch nach den Attentaten in Paris, Brüssel und Kopenhagen sterben in Israel mehr Menschen durch Terror als in ganz Europa.

weiterlesen

Brüder Kouachi: neue Details zur Flucht

charlie_hebdo

Große Lücken bei den Geheimdiensten und Chancen der Polizei, den Ereignissen in Folge des Charlie-Hebdo-Anschlags eine andere Wendung zu geben


Von Thomas Pany|TELEPOLIS

Die im ersten Fluchtauto liegengelassene Tasche mit dem Ausweis von Saïd Kouachi war die wichtigste Spur, aber nicht die einzige, welche die Brüder Kouachi auf ihrer Flucht nach ihrem Mord-Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion zu ihrer Identifizierung hinterlassen haben. Die Arbeit der Geheimdienste war alles andere als perfekt. Ein Polizist hatte die Gelegenheit, einen der Brüder schon vor der Schießerei am Ende zu töten: Le Monde veröffentlichte gestern, gut einen Monat nach dem Attentat, bemerkenswerte Einzelheiten zum Ablauf der Flucht.

In der Gesamtschau bestätigen die Einzelheiten, die nun über die Vorbereitung des Attentats und die Flucht nachgetragen werden, das Bild von drei Personen, die ihre „Mission“, das Attentat auf Charlie-Hebdo und die Ermordung einer Polizistin, zuvor abgesprochen haben und nicht darauf bauten, lebend herauszukommen.

Manches, wie der Umstand, dass die Aktion trotz einer Magendarmvirus-Erkrankung Saïd Kouachis vor der Tat nicht abgebrochen wurde, erhärtet die Annahme, dass die Brüder von der Redaktionssitzung wussten, weswegen man den Anschlag nicht verschieben wollte. Allerdings finden sich in den Zeitungsberichten kein Hinweis darauf, woher die Brüder Kouachi von der Redaktionssitzung wussten. Das Zusammentreffen der Zeichner und Mitarbeiter sollte wegen der Drohungen gegen Charlie Hebdo eigentlich nur informierten Kreis bekannt gewesen sein.

Unbekannt bleibt auch der Inhalt der SMS, die von den Kouachis am Morgen des Charlie-Hebdo-Anschlags, am 7. Januar um 10Uhr19, an eine der 13 (!) Telefonnummern von Amedy Coulibaly ging. Berichtet wird darüberhinaus von einem Treffen zwischen Chérif Kouachi und Amedy Coulibaly in der Nacht vom 6. auf den 7. Januar.

weiterlesen

Christen-Fundis: Gegen ‚Zwangskollektivierung‘ im Sexualkundeunterricht

Themenbild.
Themenbild.
Religionslehrer kritisiert kommende Schulreform in Niedersachsen: Vertreter von lesbischen, schwulen, bi- und transsexuellen Lebensweisen sollen im Unterricht ihre Sicht darstellen, doch solche Organisationen betreiben Frühsexualisierung.


kath.net

Gegen eine „Zwangskollektivierung“ im Sexualkundeunterricht spricht sich der Pastor und Religionslehrer Thomas Jeromin aus. Er ist Dozent im Studienzentrum des Geistlichen Rüstzentrums Krelingen bei Walsrode. Er bezieht seine Kritik auf die Schulreform, die der niedersächsische Landtag am 15. Dezember mit den Stimmen von SPD, Grünen und FDP beschlossen hat. Danach muss in allen Klassen Homo-, Bi-, Trans- und Intersexualität zum Thema gemacht werden, „um alle Kinder und Jugendlichen bei der Entwicklung ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität zu unterstützen, gegenseitiges Verständnis zu fördern und Diskriminierung durch Ausgrenzung und Mobbing vorzubeugen“. Vertreter von lesbischen, schwulen, bi- und transsexuellen Lebensweisen sollen im Unterricht ihre Sicht darstellen. Für Jeromin kann es aber nicht angehen, „dass Organisationen Zutritt zur Schule bekommen, die auf dem Hintergrund ihres Wertesystems eine Frühsexualisierung betreiben“. Vor allem hätten die Eltern das Recht und die Aufgabe, mit ihren Kindern altersgerecht über das Menschsein als Mann und Frau zu sprechen.

weiterlesen

“In der JVA setzt man sich stärker mit Religion auseinander”

Ein Aufenthalt im Gefängnis soll resozialisieren – Seelsorger können dabei helfen © by michimaya auf Flickr (CC BY 2.0), bearbeitet islamiQ
In den letzten Wochen ist die Gefängnisseelsorge für muslimische Insassen ein Thema. Wir sprachen mit Süleyman Küçük über Muslime in der JVA in Berlin.


IslamiQ

IslamiQ: Sie arbeiten in einer Berliner Justizvollzugsanstalt. Wie viele muslimische Insassen gibt es in Berliner Gefängnissen?

Küçük: Es gibt keine exakten Statistiken, da die Insassen nicht explizit nach ihrer Religionszugehörigkeit gefragt werden. Wenn sie aus Ländern kommen, in denen mehr als die Hälfte der Bevölkerung muslimisch ist, werden sie in die Statistik als Muslime aufgenommen. Nach dieser Berechnung beträgt der Anteil der Muslime in den Berliner Justizvollzugsanstalten ca. 20%.

IslamiQ: Was sind Ihre Aufgaben?

Küçük: Meine Aufgabe ist in erster Linie, den Gefangenen als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen. Neben Problemen und Sorgen der Insassen spielen theologische Fragen zur Halal-Kost, Fastenzeit, Freitagsgebet usw. eine wichtige Rolle. Auf Wunsch der Insassen verrichten wir die täglichen Gebete. Am Ramadan- und Opferfest organisiere ich ein Festprogramm mit Essen. Zudem gibt es seitens der Gefangenen Anfragen zur islamischen Literatur wie z. B. Koranübersetzungen oder Hadith-Bücher. Nach Absprache mit der Gefängnisleitung werden diese von der DITIB zur Verfügung gestellt und in die Anstaltsbibliothek aufgenommen.

weiterlesen

Studie: Mängel bei Aufsicht von Kirchenbanken

Bild: tilly
Bild: tilly
Eine Studie sieht Defizite bei der Aufsicht von Kirchenbanken. Viele kirchliche Geldinstitute hätten keine oder nur sehr wenige unabhängige Mandatsträger, heißt es in einer Untersuchung der Essener FOM Hochschule für Ökonomie & Management.


evangelisch.de

Oftmals seien Großkunden im Aufsichtsrat vertreten. Dadurch drohten Interessenkonflikte, schreibt der Autor der Studie, Thomas Suermann de Nocker.

Außerdem sieht de Nocker in den 14 Instituten im deutschsprachigen Raum zu wenig wirtschaftliche Fachkompetenz in den Aufsichtsräten. Weniger als 20 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder kämen aus der freien Wirtschaft. Viele Mandatsträger von katholischen Kirchenbanken seien Pfarrer. In evangelischen Kirchenbanken seien überwiegend Kirchenjuristen vertreten.

Die Bank für Kirche und Diakonie (KD-Bank) in Dortmund befürworte heterogen zusammengesetzte Aufsichtsräte, sagte ein Sprecher dem Evangelischen Pressedienst (epd) in einer ersten Reaktion. Dass auch Vertreter von Kirche und Diakonie eingebunden seien, sei jedoch nicht ungewöhnlich. Das entspreche der basisdemokratischen Idee von Genossenschaftsbanken.

weiterlesen

HVD: Das Kirchensteuersystem ist verfassungswidrig

Bild: tilly
Bild: tilly
Nach Missbrauchsfall in Berlin: Humanistischer Verband Deutschlands bekräftigt Forderung nach Abschaffung des Einzugs kirchlicher Mitgliedsbeiträge durch staatliche Behörden.


PRESSEMITTEILUNG des Humanistischen Verbands Deutschland

„Das deutsche Kirchensteuersystem muss endlich abgeschafft werden. Es widerspricht zutiefst dem Prinzip der Trennung zwischen Staat und Religion, dass die christlichen Kirchen in der Bundesrepublik ihre Mitgliedsbeiträge mit staatlicher Hilfe erheben können.“ Das sagte am Mittwochvormittag der Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands, Frieder Otto Wolf, in Berlin anlässlich eines neu bekannt gewordenen Falls von eklatantem Missbrauch des existierenden Kirchensteuersystems.

In dem aktuellen Fall hatte das Erzbistum Berlin dem in Berlin lebenden Thomas B., einem in Frankreich geborenen Arbeitnehmer, einen mittleren dreistelligen Betrag als Kirchensteuer vom Lohn abziehen lassen. Zur Begründung verwies das Erzbistum darauf, dass der Betroffene in einem französischen Taufregister registriert ist und seinen amtlichen Kirchenaustritt, der in Frankreich aufgrund der radikal laizistischen Verfassung unmöglich ist, nicht nachweisen kann. Bekannt wurde in dem Zusammenhang ferner, dass das Erzbistum auch über Ländergrenzen hinweg die Konfession von zugezogenen Einwohnern zu ermitteln versucht. Mit inakzeptablen Konsequenzen, wie der neue Fall zeigt, denn Thomas B. hatte bei seiner Anmeldung beim Bürgeramt unmissverständlich erklärt, Atheist zu sein und nicht der katholischen Kirche anzugehören. Diese Haltung bestätigte er ebenfalls in einem später durch das Erzbistum zugesandten Fragebogen, die anschließend trotzdem Kirchensteuer einziehen ließ.

Mit ihrem Vorgehen in Berlin habe die katholische Kirche erneut deutlich gemacht, dass es ihr oft mehr um Geld als um Menschen ginge, kritisierte Wolf. Das Vorgehen bezeichnete er mit Verweis auf die offenkundig nichtreligiöse Identität des Betroffenen sowie das riesige Vermögen der Kirche in Deutschland als „weiteren scheußlichen Vorgang“, der zu Recht große Empörung ausgelöst hat. Das im internationalen Vergleich einzigartige Kirchensteuersystem in Deutschland sei zudem nicht nur aus prinzipiellen Gründen abzulehnen, da es dem Grundsatz der Trennung zwischen Staat und Religion widerspreche, sondern auch dem Menschenrecht, seine religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen nicht preisgeben zu müssen.

„Aufgrund der in den letzten Jahrzehnten gewachsenen religiösen und weltanschaulichen Pluralität ist es unserer Auffassung nach sogar verfassungswidrig. Denn es privilegiert die Kirchen gegenüber allen anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, die keine Strukturen wie die christlichen Religionsgemeinschaften kennen, in einer Form, bei der nur die Abschaffung des traditionellen Kirchensteuersystems die von unserem Grundgesetz geforderte Gleichbehandlung zwischen allen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften herstellen kann. Die Kirchen sollten ihre Mitgliedsbeiträge auf die gleiche Weise einziehen wie andere Religionsgemeinschaften und weltliche Organisationen und Vereine in Deutschland“, so Wolf.

Die Umstellung auf eine von den Kirchen vollständig selbstverwaltete Mitgliedsbeitragserhebung würde ferner ein erster Schritt zum Abbau der existierenden Benachteiligung von konfessionsfreien und andersgläubigen Arbeitnehmern im Gesundheits-, Kultur-, Sozial- und Bildungswesen sein, unterstrich Wolf. Diese können bislang aufgrund der Privilegierung der Kirchen im Arbeitsrecht und in Verbindung mit dem Kirchensteuersystem, welches die Grundlage für die amtliche Registrierung der Konfession aller Einwohner der Bundesrepublik bildet, ohne plausible Gründe als Bewerber benachteiligt und ausgeschlossen werden.

Frieder Otto Wolf bekräftigte auch die Ablehnung der Erhebung von Gebühren durch die Behörden, die bei einem Austritt aus einer der Kirchen anfallen und je nach Bundesland bis zu 60 Euro betragen können. In einem säkularen Staat müsse die Austrittserklärung gegenüber der jeweiligen Religions- bzw. Weltanschauungsgemeinschaft ausreichen und dürfe weder mit Behördengängen noch Gebühren verbunden sein, betonte Wolf. „Das hier derzeit herrschende System ist schlicht ein fortgeschleppter Skandal“, sagte er.

Pakistan: Vier Mitarbeiter eines Impfteams ermordet

Themenbild: tagesschau.de
Die Kinderlähmung könnte fast ausgerottet sein, wäre der Widerstand gegen die Impfung in Pakistan nicht so groß. Nun wirft die Ermordung eines Impfteams die Bemühungen erneut zurück.


Süddeutsche.de

In Pakistan sind vier Mitarbeiter einer Impfkampagne ermordet aufgefunden worden. Das Team aus einem Mediziner, einem Fahrer und zwei Polizisten war am Samstag im Bezirk Zhob der südwestlichen Provinz Baluchistan entführt worden, wie Behördenvertreter am Mittwoch mitteilten. Die Sicherheitskräfte hätten ihre Leichen am Dienstag in den Bergen der unruhigen Wüstenprovinz an der Grenze zum Iran und Afghanistan gefunden. Offenbar seien sie bereits am Wochenende getötet worden. Der Behördenvertreter machte in der Region aktive Aufständische verantwortlich.

weiterlesen

Schlagabtausch mit Hammer im türkischen Parlament

Die Türkische Nationalversammlung "Der Souverän ist ausnahmslos das Volk" (Mustafa Kemal Atatürk) © meclishaber.gov.tr, bearb. MiG
Die Türkische Nationalversammlung „Der Souverän ist ausnahmslos das Volk“ (Mustafa Kemal Atatürk) © meclishaber.gov.tr, bearb. MiG
Ein neues Polizeigesetz hat im türkischen Parlament eine Prügelei ausgelöst. Es flogen nicht nur Fäuste, sondern auch Gläser, Stühle und ein Hammer. Mehrere Abgeordnete mussten ins Krankenhaus.


DIE WELT

Bei Beratungen des türkischen Parlaments über ein umstrittenes Gesetzespaket zur Erweiterung der Vollmachten der Polizei haben streitlustige Abgeordnete den Begriff des „Schlagabtauschs“ wörtlich genommen. Fünf Oppositionspolitiker wurden bei Auseinandersetzungen im Plenum in der Hauptstadt Ankara verletzt, wie türkische Medien am Mittwoch meldeten. Unter anderem wurde der Hammer des Sitzungspräsidenten als Waffe eingesetzt. Vier der Verletzten mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Der Abgeordnete Ertugrul Kürkcü von der Kurdenpartei HDP berichtete, Politiker der Regierungspartei AKP hätten die Oppositionsvertreter unter anderem mit Stühlen attackiert. Auch Gläser sollen geflogen sein. Kürkcü sagte, die AKP habe im Plenum demonstriert, wie sich die Polizei bei einer Annahme des Gesetzespakets auf den Straßen der Türkei verhalten werde.

weiterlesen

CIA-Gefängnisse: Widerspruch Polens abgelehnt

Bild: Polen heute
Im Juli 2014 urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, Polen sei der Verletzung der Menschenrechte in geheimen CIA-Gefängnissen schuldig. Im Oktober legte Polen Berufung gegen dieses Urteil ein. Heute wurde das Ergebnis bekannt gegeben – die Berufung ist abgelehnt worden und das Urteil somit wirksam.


Von Dorota Rędzikowska|POLEN HEUTE

Im letzten Sommer hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg das Urteil gefällt, Polen habe in den mutmaßlichen, geheimen CIA-Gefängnissen mehrfach die Menschenrechte verletzt. In dem Komplex in  Masuren habe der Staat Folter und eine inhumane Behandlung der Gefangenen zugelassen. Die Klage, die zu diesem Urteil führte, hatten zwei ehemalige Gefangene aus Palästina und Saudi-Arabien eingereicht.

weiterlesen

Erzbistum Köln legt Vermögen von drei Milliarden Euro offen

Bild: tilly
Bild: tilly
Erstmals in seiner Geschichte veröffentlicht das Erzbistum Köln am Aschermittwoch eine Bilanz seines gesamten Vermögens.


evangelisch.de

Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeigers“ (Mittwochsausgabe) liegt die Summe der Aktiva – bestehend vor allem aus Kapitalanlagen in Wertpapieren, Aktien und Fondsanteilen sowie aus Immobilien – bei drei Milliarden Euro. Dem stünden allerdings Belastungen in gleicher Größenordnung durch Pensionsrückstellungen und Reserven für den Unterhalt kirchlicher Gebäude gegenüber.

Bereits im Mai 2014 hatte das Erzbistum eine bewertete Bilanz seines Immobilienbesitzes in Höhe von etwas mehr als 600 Millionen Euro veröffentlicht. Die Initiative stammt noch aus der Amtszeit von Erzbischof Kardinal Joachim Meisner. Das Vermögen der rechtlich selbstständigen Pfarrgemeinden und anderer kirchlicher Institutionen ist noch nicht erfasst. Das Erzbistum drängt allerdings auch diese insgesamt 1.500 Rechtsträger zu mehr Transparenz.

Götz Aly: Das Beschweigen der Vergangenheit beenden

Bronzeskulptur Jahrhundertschritt in Potsdam auf dem Hof des Kutschstalls. Bild: wikimedia.org/CC BY 3.0 Für Aly ein Sinnbild: Wolfgang Mattheuers „Jahrhundertschritt“,
Der Nationalsozialismus als Massenphänomen: Götz Alys Buch „Volk ohne Mitte“, das heute erscheint, analysiert die Freiheitsängste der Deutschen.


Von Arno Widmann|Frankfurter Rundschau

Elf Aufsätze, zum Teil schon andernorts erschienen, dazu eine Einleitung, die die einzelnen Beiträge weniger erläutert als vielmehr die sie verbindende gemeinsame Perspektive deutlich macht. Man lese, wie er Wolfgang Mattheuers Skulptur „Der Jahrhundertschritt“ mit Marc Chagalls Bild „En avant les voyageurs“ vergleicht. Beide Male ein weitausschreitender Mann. Der von 1917 springt fast, ist sich aber völlig sicher, dass er wieder auf festem Boden landen wird. Mattheuers Figur von 1984 hat diese Sicherheit völlig verloren. Sie knickt ein. Ihre Mitte ist zerbrochen. Das ist es, was Götz Aly meint. Der Nationalsozialismus war ein Massenphänomen, er erfasste die Mitte der Gesellschaft. Als sie nicht mehr Tritt fassen konnte, als sie taumelte.

Niemand ist so energisch der Vorstellung entgegengetreten, der Nationalsozialismus habe die Deutschen gekapert, sei nichts als die Sache einiger weniger Fanatiker gewesen, wie Götz Aly. Als er am 9. Oktober 2010 in der Evangelischen Stadtkirche in Darmstadt über das 9. Gebot – „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus…“ – spricht, erinnert er daran, dass in Darmstadt vor 1933 fast 2000 Bürger jüdischer Konfession lebten, dass über einhundert Geschäfte in den Jahren danach arisiert wurden. Das geschah alles vor den Augen der Öffentlichkeit.

weiterlesen

“Das Studium ist ein riskanter Prozess, aber anschließend ist der Glaube besser verwurzelt”

Islamische Architektur aus Isfahan © seier+seier auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Im Jahre 2011 wurde die Gründung von Zentren für Islamische Theologie an vier Hochschulen angestoßen. Das ist nicht nur für Deutschland eine neue Erfahrung, sondern auch für Muslime. Für viele von ihnen prallen Welten aufeinander.


Von Jens Bayer-Gimm|MiGAZIN

Der Terror in Frankreich hat etwas verändert: Vertreter von Muslimen räumen ein, dass der Islam kritisch sein Erbe der Gewalt untersuchen müsse. Das geschieht seit kurzem an deutschen Universitäten: Das Bundesbildungsministerium stieß 2011 die Gründung von vier Zentren für Islamische Theologie an, die an den Universitäten Frankfurt/Gießen, Münster/Osnabrück, Erlangen-Nürnberg und Tübingen angesiedelt sind. Für Studienanfänger können allerdings Welten aufeinanderprallen, wenn der eigene Glaube auf Wissenschaft trifft.

“Die muslimischen Studenten haben den Islam bisher nie als Bestandteil einer Debattenkultur erlebt”, erläutert der Geschäftsführende Direktor des Frankfurter Instituts für Studien der Kultur und Religion des Islam, Bekim Agai. Zwar werde in Hunderten von Moscheegemeinden gelehrt, dass die islamische Tradition keine Anschläge rechtfertige. Aber “problematische Koranstellen und Geschichtsepisoden, in denen zu Gewalt aufgerufen wird, werden in religiösen Gemeinden nicht thematisiert”. Daher falle es Studenten zunächst schwer, gegen eine dschihadistische Position zu argumentieren.

Während Studienanfänger zunächst annähmen, Glaubensinhalte gebe es “an sich”, lernten sie an der Universität, dass der Islam geschichtlich geworden und der historischen Veränderung unterworfen ist, erklärt Agai. Der 1974 geborene Professor hat Islamwissenschaft, Geschichte und Psychologie studiert und in Bochum promoviert. Die Aufgabe der Islamischen Theologie besteht nach seinen Worten darin, die religiöse Tradition in ihren Kontexten auszulegen und Antworten auf neue Fragen zu erarbeiten.

weiterlesen

Kirchenasyl und christliche Scheinheiligkeiten

justiz_gross

Pro und Kontra: Mehr als 350 Flüchtlinge genießen in Deutschland Kirchenasyl. Das ist Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zu viel.


kath.net

Mehr als 350 Flüchtlinge genießen in Deutschland Kirchenasyl. Das ist Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zu viel. Er kritisierte, dass sich Kirchen damit eigenmächtig über bestehende Gesetze hinwegsetzten. Beim Kirchenasyl nehmen Gemeinden Asylbewerber auf, um ihre Abschiebung zu verhindern und eine Wiederaufnahme ihres Verfahrens zu erreichen.

PRO
Kirchenasyl ist in unserem Land vielfach erfolgreich. In mehr als 80 Prozent der Fälle, die aufgrund dieses Asyls neu verhandelt wurden, wurde im zweiten Anlauf zugunsten der Flüchtlinge entschieden. Das Kirchenasyl dient dazu, eine falsche Gerichtsentscheidung zu korrigieren und Menschen zu retten. Darauf hoffen auch wir im Weigle-Haus in Essen.

weiterlesen

Stern flog durchs äußere Sonnensystem

Scholz‘ Stern und sein Begleiter, ein Brauner Zwerg im Außenbereich des Sonnensystems © Michael Osadciw/ University of Rochester
Nur knapp vorbei: Vor rund 70.000 Jahren ist ein fremder Stern durch die Außenbezirke unseres Sonnensystems gewandert. Der Rote Zwerg zog dabei durch die äußere Oortsche Wolke und könnte sogar als heller Lichtpunkt für unsere Vorfahren sichtbar gewesen sein. Kein anderer bekannter Stern ist unserem Sonnensystem jemals so nahe gekommen, berichten Astronomen im Fachmagazin „Astrophysical Journal Letters“.


scinexx

Heute ist Scholz’ Stern – offizieller Name WISE J072003.20-084651.2 – ein kleiner Roter Zwerg, rund 20 Lichtjahre von der Erde entfernt. Gemeinsam mit einem Braunen Zwerg bewegt er sich durch die Konstellation Einhorn (Monocerus). Aufgefallen ist dieser Stern den Astronomen, weil er sich trotz seiner relativ großen Nähe zu uns kaum zu bewegen schien. „Eine so geringe tangentiale Bewegung deutet entweder darauf hin, dass er auf das Sonnensystem zusteuert oder aber sich direkt von ihm wegbewegt“, erklärt Eric Mamajek von der University of Rochester.

weiterlesen

Informationstechnologie: Mission Quantencomputer

© TU Wien/Scinexx
Seit 30 Jahren versuchen Physiker, sich die Eigenheiten der Quantenwelt auch für die Informationsverarbeitung zu Nutze zu machen. Nun endlich scheint das Ziel in Reichweite.


Von Elizabeth Gibney|Spektrum.de

Auf die Frage, was er an seiner Arbeit bei Google im kalifornischen Mountain View am meisten schätzt, erwähnt der Physiker John Martinis nicht etwa die berühmten Massagesessel in den Fluren oder die kostenlosen Snacks, die sich nahezu überall auf dem Campus des Unternehmens finden. Stattdessen beeindruckt ihn, wie gelassen Google im Streben nach einem visionären Ziel mit Fehlschlägen umgeht. „Würde jedes Projekt gelingen“, sagt er, „hieße es hier, man könnte eigentlich mehr erreichen.“

Martinis vermutet, dass er genau diese Art von Gelassenheit künftig brauchen wird. Im September rekrutierte Google ihn und sein 20-köpfiges Forscherteam von der University of California in Santa Barbara und betraute sie mit der bekanntermaßen schwierigen Aufgabe, einen Quantencomputer zu entwickeln: Diese Geräte machen sich die Eigenheiten der Quantenwelt zu Nutze, um komplexe Berechnungen durchzuführen – wollte man diese mit gewöhnlichen Computern lösen, würde dafür selbst die Zeit seit Bestehen des Universums nicht ausreichen.

Die Idee eines Quantencomputers kam bereits in den frühen 1980er Jahren auf – und frustriert seither neben Martinis auch viele andere Physiker. Denn in der Praxis erweisen sich die für solche Rechner unerlässlichen Quanteneffekte als extrem empfindlich und schwer zu kontrollieren: Ein gestreutes Photon oder Vibrationen von außen reichen schon aus, um den Rechenvorgang zu unterbrechen. Auch heute noch, nach drei Jahrzehnten des Experimentierens, kommen die weltweit besten Quantencomputer kaum über Schulaufgaben hinaus und suchen beispielsweise nach den Primfaktoren der Zahl 21 (Antwort: 3 und 7).

weiterlesen

Lars Vilks: „Wir verhandeln nicht mit Mördern“

Image by Lars Vilks published in Nerikes Allehanda along with the editorial. Bild: wikimedia.org/ fair use under United States copyright law
Image by Lars Vilks published in Nerikes Allehanda along with the editorial. Bild: wikimedia.org/ fair use under United States copyright law
Als die Schüsse fielen, versteckten ihn seine Leibwächter in einem Lagerraum voll Bier. Im Interview erzählt der schwedische Künstler Lars Vilks, wie er die Attacke erlebt hat – und warum er sich nicht einschüchtern lässt, obwohl er sich verstecken muss.


Von Silke Bigalke|Süddeutsche.de

Der schwedische Künstler Lars Vilks, 68, ist in Skandinavien schon lange für seine provokanten Werke berühmt. International wurde er bekannt, nachdem er im Jahr 2007 eine Skizze angefertigt hatte, die den Propheten Mohammed als Hund darstellt. Seitdem war Vilks mehrfach Ziel von Morddrohungen und Anschlägen. Am Samstagnachmittag schoss der Attentäter Omar el-Hussein auf ein Café, in dem Vilks gerade an einer Podiumsdiskussion teinahm. In der Nacht verübte der Mann noch einen Anschlag auf eine Synagoge. Er tötete insgesamt zwei Menschen und verletzte fünf Polizeibeamte. Im Interview beschreibt Lars Vilks, wie er die Schießerei erlebte und was das Attentat für seine Kunst bedeutet.

SZ.de: Wie geht es Ihnen, wie haben Sie die vergangenen Tage erlebt?

Lars Vilks: Ich war sehr beschäftigt. Es war natürlich eine sehr befremdliche und sehr tragische Geschichte, die mich auch erschüttert hat, weil alles so überraschend passiert ist. Ich habe schon einiges mitgemacht, aber das war viel schwerwiegender. Ich habe noch nie eine Schießerei um mich herum erlebt. Jetzt müssen die Polizei und Sicherheitskräfte einen Weg finden, mit der Situation umzugehen. Im Moment bin ich an einem geheimen Ort in Schweden, wo sie mich nach dem Anschlag hingebracht haben.

weiterlesen