Die Frau des Papstes


Nancy Brilli (1988), Bild. wikimedia.org/CC BY-SA 3.0
Blondierte Locken, ein mädchenhafter Pony und aufgespritzte Lippen: So kennt das italienische Publikum die Schauspielerin Nancy Brilli aus zahlreichen Kino- und Fernsehkomödien. Eher unscheinbar dagegen wirkte ihr Auftritt in einem Werbevideo des Vatikans. Mit einer seriösen Lesebrille vor ihrer gestrafften Augenpartie lud sie im Namen des päpstlichen Kulturrats die Zuschauerinnen ein, über sich, ihren Körper, ihr Frausein und ihre Spiritualität nachzudenken.


Von Catrin Dingler|Jungle World

Den weiblichen Blick auf die Welt sollten die mit sanfter Stimme Umworbenen in einem Selfie festhalten und unter dem Hashtag #lifeofwomen mit anderen Frauen und dem Heiligen Stuhl teilen. Die auf dem Twitter-Account gesammelten Erfahrungen wollte der Präsident des Kulturrats, Kardinal Gianfranco Ravasi, auf einer Vollversammlung des Gremiums mit dem Titel »Weibliche Kulturen – Zwischen Gleichheit und Differenz« vom 3. bis 7. Februar in Rom diskutieren.

Vor der Veranstaltung sorgte die englischsprachige Version des Web-Videos bereits für Aufregung. Nach heftiger Kritik wurde zumindest die englischsprachige Version zurückgezogen. Im anglophonen Ausland störten sich die Gläubigen an dem offensichtlichen Widerspruch, dass die viertägige Konferenz von eben jenem Frauentyp beworben wurde, der dort kritisiert werden sollte. In Italien bedurfte es dagegen einer kleinen inszenierten Provokation auf der Pressekonferenz von Kardinal Ravasi und seiner Hauptdarstellerin, um zwei Tage vor Veranstaltungsbeginn überhaupt erst die gewünschte mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen. »Der Vatikan bezeichnet Schönheitsoperationen als ›Burka aus Fleisch‹«, lautete die Schlagzeile, die danach auch über einige deutsche Nachrichtenticker lief. Wer Ravasi genauer zugehört oder das Arbeitsprogramm für die Konferenz gelesen hatte, wusste, dass er mit dem »treffenden, wenngleich scharfen« Vergleich bewusst provozieren wollte. Die Formulierung war aber keine Erfindung des Kirchenmannes, sondern ein Zitat der italienischen Journalistin und Schriftstellerin Barbara Alberti.

In ihrem im Frühjahr 2010 erschienen Buch hatte sie gefordert, Frauen sollten zu ihrem Gesicht stehen: »Riprendetevi la faccia!« Den sozialen Zwang, dem Frauen heute ausgesetzt seien, ihr wahres Alter durch chirurgische Eingriffe zu verschleiern, vergleicht sie mit dem religiösen Zwang zur Verschleierung des Körpers durch das Tragen einer Burka. Albertis Formulierung wurde damals wie heute weniger als Kritik an einer islamischen Kleiderordnung, sondern als Zurückweisung eines medialen Schönheitsideals verstanden. Nur wenige Monate vor der Publikation von Albertis Pamphlet hatte die Soziologin Lorella Zanardo in dem Dokumentarfilm »Der Körper der Frauen« die pornographische Darstellung von Frauen im italienischen Fernsehen und ihre Degradierung zum dekorativen Lustobjekt angeklagt. Etwa zur selben Zeit löste die »Ruby-Affäre« des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi Empörung aus. Unter dem Slogan »Wann, wenn nicht jetzt« formierte sich eine Protestbewegung zur »Verteidigung der Würde der Frauen«. Die neue Frauenbewegung betrachtete die jungen Sexarbeiterinnen einerseits als Opfer. Andererseits distanzierte sie sich vehement von jenen Frauen, die ihre Teilnahme an Berlusconis »Bunga-Bunga-Partys« als selbstbestimmten Entschluss und Investition in die eigene Karriere betrachteten, von der sie sich eine Fernsehrolle oder den Einstieg in eine politische Position versprachen. Der vornehmlich von gutsituierten bürgerlichen Frauen initiierte moralische »neue Feminismus« propagiert letztlich ein Bild von der »wahren«, »normalen« Frau, Ehegattin, Mutter und Tochter, das vom Frauentyp der konservativen, katholischen Moral kaum noch zu unterscheiden ist. Unter diesen Vorzeichen ist die vom Vatikan organisierte Konferenz über die »weiblichen Kulturen« als Annäherung an dieses Frauenbild zu verstehen.

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