Deutsch-jüdische Beziehungen: „Tradierte Vorurteile und Rivalitäten seit Anbeginn des Christentums“


Der Historiker Michael Wolffsohn (imago/Müller-Stauffenberg)
Israel ist Schwerpunkt der diesjährigen Leipziger Buchmesse, und jeweils im März wird bundesweit die Woche der Brüderlichkeit veranstaltet. Wie aber steht es wirklich um das Verhältnis Deutschland-Israel? Die christlich-jüdischen Beziehungen seien geprägt von Kuscheltheologie und Phrasen, sagte der Münchner Historiker Michael Wolffsohn im DLF.


Michael Wolffsohn im Gespräch mit Andreas Main|Deutschlandfunk

Andreas Main: Heute beginnt in Leipzig die Buchmesse. Schwerpunkt ist Israel. Der Anlass: Vor 50 Jahren haben Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen aufgenommen. Ein viel beachtetes Buch zu diesem Thema hat schon im Vorfeld der Buchmesse einige Beachtung gefunden – und zwar eine kleine Studie von Dan Diner mit dem Titel „Rituelle Distanz“. Darin geht es auch viel um Religion, aber letztlich primär um das Verhältnis der Staaten Israel und Deutschland.

Wir wollen auf der Ebene der Religionen bleiben und mit Professor Michael Wolffsohn sprechen – über den Stand der jüdisch-christlichen Beziehungen. Denn parallel zu den Aussöhnungsbemühungen auf staatlicher Ebene gab es immer auch diese Ebene von Christen und Juden. Michael Wolffsohn ist Historiker und hat sich immer wieder auch mit dieser Frage beschäftigt, etwa in seinem Buch „Juden und Christen – ungleiche Geschwister. Die Geschichte zweier Rivalen.“ Mit ihm sind wir nun verbunden in München. Guten Morgen, Herr Wolffsohn.

Michael Wolffsohn: Guten Morgen, Herr Main.

Main: Wo sind die Parallelen und wo sind die Unterschiede, wenn Sie sich anschauen, wie sich die deutsch-israelische Beziehungen einerseits und die christlich-jüdischen Beziehungen andererseits entwickelt haben?

Wolffsohn: Also, die deutsch-israelischen Beziehungen sind sehr intensiv geworden, auf der Regierungsebene, vor allem auch auf der Ebene der israelischen Bevölkerung – und zwar im positiven Sinne. Ich möchte daran erinnern, dass im vergangenen Jahr rund 800.000 Israelis Deutschland besucht haben. Das sind – in absoluten Zahlen wohlgemerkt – weit mehr, als Deutsche Israel besucht haben; und das bei völlig unterschiedlichen Bevölkerungsgrößen bekanntlich. Auch ein Indiz dafür sind die Umfragestimmen: Die israelische Bevölkerung ist Deutschland gegenüber viel freundlicher, wenn Sie so wollen: nachsichtiger, als umgekehrt, die Deutschen Israel gegenüber.

Damit sind wir bei der zweiten Seite. Die deutschen Regierungsparteien haben traditionell intensive, gute und enge Kontakte gepflegt. Gewiss, es gab hier und da mal Kräche. Aber auf der Ebene der breiten Bevölkerung sieht es seit Anfang der 80er-Jahre ganz schlecht aus. Das heißt konkret: Israel ist seit 1981 immer eine der drei in der deutschen Bevölkerung – damals westdeutschen, heute gesamtdeutschen Bevölkerung – unbeliebtesten Staaten weltweit.

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