Soziologe: „Religion erspart uns, nachdenken zu müssen“


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Phänomene wie islamistischer Terrorismus lassen sich nur begreifen, wenn man die Psychodynamik dahinter versteht, sagt der Soziologe August Schülein


Von Lisa Mayr|derStandard.at

STANDARD: Sie beschäftigen sich mit der Verknüpfung von Psychoanalyse und Soziologie. Wie viel Psychologie verträgt die Sozialwissenschaft, wie viel braucht sie?

August Schülein: Grundkenntnisse der Psychodynamik gehören zu jeder Sozialwissenschaft, weil man Kultur und Gesellschaft nur so richtig verstehen kann. Die Psychoanalyse ist die am besten ausgearbeitete Theorie psychodynamischer Prozesse. Sie lässt uns Verhaltensweisen verstehen, die unverständlich und irrational erscheinen.

STANDARD: Besteht durch einen psychoanalytischen Zugang zur Gesellschaft nicht die Gefahr, dass diese auf ein Zusammenspiel von Befindlichkeiten reduziert und menschliches Handeln „verpsychologisiert“ wird?

Schülein: Es geht ja nicht darum, Soziologie durch Psychoanalyse zu ersetzen, sondern darum, etwas einzubringen, was Soziologie mit ihren Mitteln nicht kann. Die Arbeitsteilung der Human- und Sozialwissenschaften ist sinnvoll, führt aber zu „fachidiotischen“ Einschränkungen. Die Soziologie hat sich in der dezidierten Ablehnung jeder Art von Psychologie entwickelt, um Gesellschaft als Gesellschaft zu thematisieren. Das war eine Zeitlang sinnvoll, dabei darf es aber nicht bleiben. Vielschichtige Themen können nur interdisziplinär erfasst werden. Eine Soziologie 2.0 muss sich wieder zur Psychologie hin öffnen.

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