Die vertauschten Opfer


Der Begriff der Islamophobie verfolgt drei Ziele: Er erklärt Kritik an Religion zu Rassismus. Er will die Diskriminierung von Muslimen dem Antisemitismus gleichstellen. Und er pocht auf einen Status der Singularität, den er dem Holocaust neidet.


Von Pascal Bruckner|Perlentaucher.de

„Etwas Neues war im Gange: eine neue Intoleranz zog auf. Sie verbreitete sich über den Erdball, doch niemand wollte es wahrhaben. Ein neues Wort war erfunden worden, um den Blinden ihre Blindheit zu lassen: Islamophobie. Die militanten Misstöne im gegenwärtigen Gepräge dieser Religion zu kritisieren, war Bigotterie. Phobische Menschen hatten extreme und irrationale Ansichten, also waren sie schuld und nicht das Glaubenssystem, das sich mehr als einer Milliarde Anhänger weltweit rühmen konnte.“
(Salman Rushdie, „Joseph Anton“, zitiert nach der deutschen Ausgabe, C.Bertelsmann Verlag, Seite 393)

Im Jahr 1910 veröffentlichte Alain Quellien, französischer Mitarbeiter im Kolonialministerium die Schrift „La politique musulmane dans l’Afrique Occidentale“1. Das an Fachleute gerichtete Werk ist eine moderate Lobrede auf die „praktische und nachgiebige“ Religion des Korans, die von den Eingeborenen besser angenommen werde als das Christentum, das „zu kompliziert, zu abstrakt, zu streng für die schlichte und materialistische Mentalität des Negers“ sei. Der Autor stellt fest, dass der Islam die europäische Herrschaft durch seine zivilisierende Art begünstigt, die Völker „vom Fetischismus und unwürdigen Praktiken“ abbringt und möchte darum dem Vorurteil ein Ende bereiten, das diesen Glauben der Barbarei und dem Fanatismus gleichsetzt. So geißelt er die „Islamophobie“, die unter dem kolonialen Personal grassiere: „Loblieder auf den Islam zu singen ist ebenso einseitig wie ihn geradewegs zu verunglimpfen“. Man müsse ihn im Gegenteil tolerieren und unvoreingenommen behandeln. Alain Quellien spricht hier als ein um die öffentliche Ordnung besorgter Beamter. Scharf kritisiert er den europäischen Hang, einen Glauben zu verteufeln, der den Frieden im Kolonialreich aufrechterhält, was auch immer er sich für – in seinen Augen unbedeutende – Verfehlungen zu schulden kommen lasse, darunter Sklaverei und Polygamie. Da der Islam der beste Verbündete des Kolonialismus sei, müsse man die Gläubigen vor dem unheilvollen Einfluss moderner Ideen schützen und ihre Art zu leben wie auch ihre Überzeugen respektieren.

Ein anderer Kolonialbeamter, der in Dakar lebende Maurice Delafosse, schrieb zur gleichen Zeit: „Was auch immer diejenigen behaupten mögen, die Islamophobie als ein Prinzip unserer Verwaltung ansehen, Frankreich hat von den Muslimen in Westafrika nicht mehr zu fürchten als von den Nicht-Muslimen… Die Islamophobie hat in Westafrika also keine Berechtigung, während Islamophilie, das heißt die Bevorzugung von Muslimen, zu Misstrauen bei den nicht-muslimischen Bevölkerungsgruppen führen würde, die nun mal viel größer sind.“2 Die Begriffe existierten wahrscheinlich bereits, bevor die beiden Kolonialbeamten sie verwandten, sonst hätten sie sie nicht mit solcher Selbstverständlichkeit benutzen können. Dennoch wurden sie abgesehen von einigen Forschern bis zum Beginn der achtziger Jahre selten gebraucht, als sie sich nach der islamischen Revolution von 1979 in Teheran nach und nach in ein politisches Instrument verwandelten. In seiner Bedeutung schwankend, auf der Suche nach seinem Sinn, kann der Begriff der „Islamophobie“ zwei verschiedene Dinge meinen: Entweder Kritik am Islam oder die Diskriminierung der Anhänger des Korans. Ein Wort gehört nicht demjenigen, der es zuerst gebraucht hat, sondern denen, die es neu erfunden haben, um seinen Gebrauch populär zu machen. Als Neuankömmling auf dem semantischen Feld des Antirassismus will dieser Begriff einen dreifachen Ehrgeiz befriedigen: das Prinzip der Unantastbarkeit, das Prinzip der Äquivalenz und das Prinzip der Austauschbarkeit.

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