Kirche und Staat in Russland: Die unheilige Allianz


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  • Fromme Eiferer und Kirchenleute in Russland verhindern im Namen der Religion Konzerte und Ausstellungen. Putin arbeitet derweil an einer Allianz zwischen Staat und orthodoxer Kirche.
  • Beide, Putin und die orthodoxe Kirche wollen von einer „Symphonie der Kirche, des Staates und der Gesellschaft“ profitieren. Doch im 21. Jahrhundert fehlt dieser „Symphonie“ die Glaubwürdigkeit.
  • Um seine imperiale Neurussland-Ideologie zu stützen, vergreift sich Putin auch an Zitaten des regimekritischen Religionsphilosophen Berdjajew aus der Sowjetzeit. Der hatte aber ironischerweise vor einem totalitären Staat gewarnt, der selbst Kirche sein und die Seelen beherrschen wolle.


Von Tim Neshitov|Süddeutsche.de

Manchmal muss sich Russlands Präsident Wladimir Putin wohl für seine glühendsten Bewunderer fremdschämen. Witalij Milonow, ein Abgeordneter des Sankt Petersburger Stadtparlaments und ein sehr gläubiger Mensch („Wir orthodoxe Christen sind im Besitz der absoluten Wahrheit“) nahm vor ein paar Jahren an einem Streitgespräch mit einem Atheisten teil. Der Atheist fragte ihn, wie Milonow sich rechtgläubig nennen könne, wenn er nicht einmal die Werke des Heiligen Pygidium gelesen habe. Milonow entgegnete, selbstverständlich habe er sie gelesen.

Ein Heiliger Pygidium habe aber nie gelebt, merkte der Atheist an. Pygidium heißt auf Latein der hinterste Körperteil bei Ringelwürmern und Käfern, auf deutsch: Afterdecke.

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