Würden Verfassungsrichter auch Nudisten schützen?


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Aus dem Kopftuch-Urteil spricht eine Naivität, wie man sie sonst nur in Positionspapieren von Anthroposophen findet. Das Oberste Gericht hat eine ideologisch aufgeladene Entscheidung getroffen.


Von Henryk M. Broder|DIE WELT

Wenn es um Glauben und Religion geht, mutiert jeder Unsinn zum Sinn. Religionsfreiheit zum Beispiel wird als die Freiheit verstanden, sich seine Religion aussuchen zu dürfen, so wie man in einem Sportverein seiner Wahl Mitglied wird oder selber bestimmt, wie man sich ernähren möchte: fleischig, vegetarisch oder vegan.

Aber Religionsfreiheit ist mehr. Sie bedeutet auch, keine Religion zu haben und von religiösen Zwängen verschont zu bleiben. So, wie das Wahlrecht auch die Möglichkeit einer Wahlenthaltung bietet. Dass sich gläubige Menschen in Gotteshäusern versammeln, dient nicht nur dem Wunsch, gemeinsam zu beten.

Es ist auch eine Art von Rücksichtnahme gegenüber der Öffentlichkeit. Beim Beten beobachtet zu werden oder betende Menschen zu beobachten, kann so peinlich sein, wie einem Paar beim Sex zuzusehen, das vergessen hat, die Gardinen zuzuziehen. Exhibitionisten und Voyeure mögen so etwas stimulierend finden, die meisten törnt es eher ab.

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