Wohin mit den Tieren – „Man hätte besser 80.000 statt 80 Russen umgebracht“


Eine sauerländische Mutter zieht, ihre Kinder schützend, an dem am 3.5.1945 nahe Suttrop entdeckten Massengrab der ermordeten 57 Frauen und Männer vorbei. Bild: United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park
Die Leiden der sowjetischen und polnischen Arbeitssklaven im NS-Regime sind für das deutsche Geschichtsgedächtnis bis heute kein nennenswertes Thema.


Von Peter Bürger|TELEPOLIS

Im „Großdeutschen Reich“ standen Ulrich Herbert zufolge von 1939 bis 1945 schätzungsweise 8,5 Millionen zivile und 4,6 Millionen kriegsgefangene Ausländer – mit großer Mehrheit zwangsweise – im Arbeitseinsatz für die Kriegswirtschaft (hinzu kamen die Arbeitssklaven aus KZs). Im August 1944 machten diese Menschen laut Melderegister nahezu 30 Prozent der im „Reich“ Beschäftigten aus! Das während des 2. Weltkrieges im deutschen Alltag – bis in die kleinen Dörfer hinein – allgegenwärtige System der Zwangsarbeit gehörte zur Massenmordapparatur des von Deutschland geführten Eroberungs- und Rassekrieges.

Nach Kriegsende wollte freilich niemand etwas von den Misshandlungen der zur Zwangsarbeit ins Land geholten bzw. verschleppten Menschen wissen, auch nichts vom Widerstand der sogenannten Ostarbeiter und von den Massenmorden an ausländischen Arbeitssklaven kurz vor Kriegsende. Vielmehr setzte sich – sehr bald auch in der regionalen Geschichtsschreibung – die leitende Überschrift „Russenplage“ durch.

Die deutsche Bevölkerung, die doch mit großer Mehrheit dem NS-Sklavenhalterstaat Loyalität oder stillschweigende Duldung gewährt hatte, fühlte sich auch an dieser Stelle nicht als Teil der Täterseite, sondern als Opfer. Im Kalten Krieg durfte man dann gen Osten weiterhin ungeniert zum Besten geben, was man unter Adolf Hitler verinnerlicht hatte.

Zwangsarbeit und Rassismus: Tiervergleich für die Menschen Russlands

Noch vergleichsweise (!) „zivil“ fiel während des Krieges etwa die Behandlung französischer Gefangenenarbeiter aus. Der Einsatz von ca. zwei Millionen polnischen Arbeitssklaven, die in nennenswertem Umfang über regelrechte Menschenjagden rekrutiert worden waren und als Erkennungszeichen ein „P“ auf der Kleidung trugen, galt hingegen schon als große Gefahr für die „Rasse-Reinheit im Arier-Staat“ und ging entsprechend mit einem bis ins letzte Detail ausgearbeiteten Repressionsinstrumentarium einher. Auf Beischlaf mit deutschen Partnern stand die Todesstrafe.

An einen Zwangsarbeitseinsatz von Menschen aus der Sowjetunion war zunächst – unter dem Vorzeichen einer „optimistischen“ Kriegsverlaufsprognose – ganz und gar nicht gedacht. Den am Massenmordfeldzug im Osten beteiligten Soldaten vermittelte man, in der Sowjetunion stoße man auf „Untermenschen“ und „Bestien“. Nicht anders fiel im Zuge der „antibolschewistischen“ Dauerberieselung die Betrachtungsweise an der Heimatfront aus. So hieß es z.B. noch in SD-„Meldungen“ vom 17.8.1942 über Stimmungen im Reich, die durch die Wochenschaubeiträge über den Krieg in der Sowjetunion weiter verstärkt worden waren:

Es würde mit Sorge gefragt, was wir mit diesen „Tieren“ in Zukunft anfangen wollten. Viele Volksgenossen stellen sich vor, dass sie radikal ausgerottet werden müssten. Zusammen mit den Gewalttaten entflohener russischer Kriegsgefangener bildete sich eine gewisse Angst davor heraus, dass diese Gestalten und Typen in größerer Zahl in das Reichsgebiet kommen könnten und gar als Arbeitskräfte Verwendung finden sollten.

Lagebericht des Sicherheitsdienstes des Reichsführers-SS (SD-Meldung)[1]

Der Tiervergleich gelangte sogar in antibolschewistische Predigten des katholischen Militärbischofs Franz Justus Rarkowski und seines einstigen Untergegebenen Erzbischof Lorenz Jaeger (Paderborn). NS-Obrigkeit, Volk und Militär schienen sich einig zu sein: Ausrottung war angesagt. Bis Ende 1941 fielen 3,5 Millionen sowjetische Kriegsgefangene in die Hand der Wehrmacht. Man ließ mehr als die Hälfte von ihnen durch Hunger, Kälte, Erschöpfung, verweigerte medizinische Hilfe oder direkten Mord mit der Waffe krepieren.

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