„Boko Haram zeigt Scheitern des postkolonialen Staats“


boko_haram

Islamwissenschafter Lohlker ortet ein massives Versäumnis der nigerianischen Regierung im Kampf gegen die Islamisten


Interview Judith Moser|derStandard.at

Der Feldzug der IS-Terrormiliz im Irak und in Syrien steht medial im Mittelpunkt. Islamistische Strömungen in Afrika sind hingegen meist nur Randthema. derStandard.at sprach anlässlich der Wahlen in Nigeria mit dem Islamwissenschafter Rüdiger Lohlker über die Ursprünge und Rolle der radikalislamischen Organisation Boko Haram.

derStandard.at: Boko Haram erlangte in Europa spätestens mit der Massenentführung von rund 300 Schülerinnen in Chibok im April 2014 traurige Bekanntheit. Zuletzt sollen diese Woche wieder rund 500 Frauen und Mädchen entführt worden sein. Die Gruppierung existiert jedoch schon bedeutend länger. Welche Faktoren haben zur Entstehung Boko Harams beigetragen?

Lohlker: Letztendlich geht Boko Haram auf die Kolonialzeit zurück, die die Bedingungen für die Attraktivität einer solchen Gruppierung geschaffen hat. Die Briten haben gewisse Regionen wie Nordkamerun oder den Nordosten von Nigeria vernachlässigt. In diesen Regionen gibt es nach wie vor großen Nachholbedarf in der Entwicklung, was in Perspektivlosigkeit resultiert. Natürlich kann man sagen, dass bereits in den 1960er-Jahren Radikalisierungstendenzen unter nigerianischen Muslimen festzustellen waren. Ich bin jedoch etwas bescheidener und sage, dass diese Tendenzen in Nigeria erst in den 1980ern durch transnationale Entwicklungen und das Scheitern der nationalen nigerianischen Politik verstärkt worden sind. Ohne massive Fehler der nigerianischen Regierung wäre Boko Haram vielleicht eine Sekte geblieben und nicht zu dem geworden, was es heute ist. Boko Haram ist für mich Ausdruck des Scheiterns des postkolonialen Staates.

weiterlesen