Atheismus-Verein in Istanbul: Allein unter Grauen Wölfen


Atatürk als laizistisches Symbol am Haus: Kadıköy ist das Viertel der Atheisten und Kemalisten (Foto: Archiv 2. Juni)
Das Vereinslokal liegt in einem Häuserkomplex im Stadtteil Kadıköy auf der asiatischen Seite Istanbuls. Vom Anleger, an dem von der europäischen Seite kommende Fahrgäste der Bosporus-Fähren auf einem weiten Platz von fliegenden Händlern willkommen geheißen werden, sind es fünf Minuten zu Fuß. Kleine Ladenlokale umgeben den Sitz des »Atheismus-Vereins«. Onur Romano, der Medienbeauftragte des Vereins, sitzt mit einer Gruppe Mitglieder an einem langen Tisch, der das Vereinslokal fast ausfüllt.


Von Sabine Küper-Büsch|Jungle World

Der Atheismus-Verein wurde am 16. April 2014 im Istanbuler Vereinsamt registriert. Er hat 200 Mitglieder, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, auch wenn sie sich in ihrem Verständnis von Atheismus oft grundlegend voneinander unterscheiden. Pantheisten, Agnostiker und jegliche Gottesvorstellungen ablehnende Istanbuler treffen sich regelmäßig in Kadıköy, dem Viertel der Laizisten. In der Stadtverwaltung sitzt die Republikanische Volkspartei (CHP), viele ehemalige Mitglieder der Streitkräfte oder der kemalistischen Staatsbürokratie leben hier, aber auch viele Studenten und Künstler haben sich hier niedergelassen. »Ich kenne alle Ladenbesitzer hier auf dieser Etage«, sagt Onur Romano. »Hier fühlen wir uns sicher.« Es ist nicht ungefährlich, sich in der Türkei zum Atheismus zu bekennen. »Viele sogenannte Muslime, die meist wenig über ihre Religion wissen, glauben, es sei eine Todsünde, dem Islam zu entsagen«, erzählt Onur Romano. Der 31jährige hat selbst schon harte Konsequenzen aufgrund seiner Überzeugungen hinnehmen müssen. Anfang April wurde er gezwungen, seine Stelle an der Istanbuler Bilgi-Universität zu kündigen. Er hatte dort internationale Beziehungen unterrichtet. Romano war bereits zweimal abgemahnt worden. »Eine dritte Abmahnung konnte ich nicht riskieren, ich wäre dann fristlos entlassen worden und dürfte meine Lehrtätigkeit dort dann nicht einmal mehr in meinem Lebenslauf erwähnen«, erzählt er betrübt. Die Bilgi-Universität ist eine angesehene Privathochschule, die ein Joint Venture mit dem amerikanischen Bildungsträger »Laureate Education« betreibt. Viele internationale Konferenzen finden dort statt, das deutsche Orient-Institut, das ZKM in Karlsruhe und die Universität München sind nur einige der vielen internationalen Partner. Umso ungewöhnlicher sind die Gründe für Onur Romanos Abmahnungen an seiner früheren Arbeitsstelle. »Ich wurde beschuldigt, antireligiöse Propaganda zu machen, dabei hatte ich nur zugegeben, Atheist zu sein, als mich einer meiner Studenten danach fragte«, erzählt er. Eine oder einer der Studierenden muss den Hochschullehrer bei der Verwaltung angeschwärzt haben, vermutet er: »Wir haben viele religiöse Studentinnen, die auf dem Campus Kopftuch tragen dürfen. Da die Erlaubnis dafür im Ermessen der Hochschulleitung liegt, bevorzugen viele ihr Haar bedeckende Studentinnen Privathochschulen. Ich glaube, eine aus diesem Kreis hat mich verraten.«

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