Erdogan untergräbt Kemalismus: Die islamische Gegenrevolution


Zum Tulpenfest richten sich derzeit wieder alle Blicke auf Istanbul: Manche türkische Perspektive aber bleibt dunkel.© Picture-Alliance
Sein Weg in die Moderne folgt einem anderen Kurs: Mit Koranunterricht, Moscheebau, Alkoholverboten und Osmanen-Nostalgie untergräbt der türkische Staatspräsident Erdogan den Kemalismus.


Von Joseph Croitoru|Frankfurter Allgemeine

In der Türkei wächst bei den Säkularen die Sorge vor einer Islamisierung der Gesellschaft durch die kontinuierlich erstarkende „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) von Recep Tayyip Erdogan. Der Prozess der Re-Islamisierung – man könnte auch von einer islamischen Gegenrevolution zur einstigen laizistischen Kulturrevolution Kemal Atatürks sprechen – begann 2012 mit der schrittweisen Aufhebung des Kopftuchverbots für Studentinnen, Parlamentarierinnen und Anwältinnen vor Gericht. Im vergangenen Herbst erfolgte ein weiterer einschneidender Schritt: Das Tragen des Kopftuchs ist Schülerinnen seitdem an öffentlichen Schulen von der fünften Klasse an erlaubt. Das Schulsystem islamischer zu gestalten ist ein besonderes Anliegen der AKP. Bereits 2012 wurde die Schulpflicht von acht auf zwölf Jahre angehoben, mit nun drei statt wie bisher zwei Schulstufen. So kann schon ab der Mittelstufe auf die lange vernachlässigten religiösen Imam-Hatip-Schulen, ursprünglich Lehranstalten für Moscheeprediger, gewechselt werden, die die Regierung neuerdings zügig zu einem parallelen Schulsystem ausbaut.

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