Türkei: „Wenn es zum Äußersten kommt, ist es besser, eine Fluchtoption zu haben“

Recep Tayyip Erdogan macht das R4bia-Zeichen. Bild: R4BIA.com/gemeinfrei
Am 7. Juni finden in der Türkei die Parlamentswahlen statt. Seit Anfang April stehen die Kandidatenlisten der Parteien. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan wirbt offen für ein Präsidialsystem, in dem das Parlament nur eine untergeordnete Rolle spielen soll. Um das zu realisieren muss er die Verfassung ändern und braucht dafür mit seiner regierenden AKP die absolute Mehrheit. Doch die steht auf der Kippe. Es könnte eine Richtungswahl werden…


Von Gerrit Wustmann|TELEPOLIS

In Istanbul herrscht dieser Tage eine seltsame Atmosphäre. Eine gedrückte Stimmung, geprägt von einer unterschwelligen Spannung. Die zahllosen Touristen, die am Osterwochenende durch die Stadt flanieren und die Souvenirläden plündern, bekommen davon wenig mit. Oder gar nichts. Sie lassen sich treiben vom exotischen Flair der Bosporusmetropole. Im Zweifelsfall bemerken sie die radikalen Veränderungen nicht, die das Stadtbild zunehmend prägen. Die Gentrifizierung. Den Ausverkauf. Die Zerstörung der letzten Naturflächen. All das ist vielleicht auch zu weit weg von der Altstadthalbinsel mit Hagia Sophia, Blauer Moschee, Bazar und Hotels. Istanbul ist riesig. 18 Millionen Einwohner. Und das touristische Zentrum wird mehr und mehr zum Disneyland für betuchte Ausländer.

Am Rande des Taksim-Platzes liegt einsam und fast menschenleer der Gezi-Park unter einem trüb-grauen Himmel. Vereinzelte Fußgänger verirren sich hierher, auf einer Bank sitzt eine alte Dame und krault einen streunenden Hund. Wenn man das so sieht, kommt man kaum mehr auf die Idee, dass genau hier im Sommer 2013 der größte Volksaufstand stattgefunden hat, den die Türkei in den letzten Jahrzehnten erlebte. Alle Spuren sind getilgt.

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Orten per Akku

So genau wie dieser GPS-Trace sind Batteriedaten nicht, aber genau genug. (Aaron Parecki / Flickr / cc-by-2.0)
Forschern ist es gelungen, ein Mobiltelefon mit Android-Betriebssystem nur über seinen Stromverbrauch zu lokalisieren.


Von Ben Schwan|Technology Review

Moderne Handys lassen sich dank eingebauter Funkchips bekanntermaßen leicht orten. Das ist praktisch zum Navigieren an unbekannte Orten und liefert dem Nutzer stets ortsgenaue Infos – hat aber auch potenziell negative Auswirkungen auf die Privatsphäre, was von Marketingfirmen über Geheimdienste bis hin zu Kriminellen gerne „genutzt“ wird.

Doch was ist, wenn WLAN, der Nahbereichsfunk Bluetooth und die Satellitennavigationstechnik GPS technisch abgeschaltet sind und auch eine Erfassung über die Funkzelle beim Mobilfunkanbieter ausgeschlossen ist? Dann sollte der Nutzer doch eigentlich sicher sein, möchte man meinen.

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In China starb der letzte Bruder des letzten Kaisers

foto: johnny erling Pu Ren 2007 in seiner bescheidenen Wohnung in Peking. Das Foto in seinen Händen zeigt eine historische Aufnahme der einstigen Kaiserfamilie rund um Pu Yi, den letzten Kaiser von China. Pu Ren sitzt ganz vorne in der Mitte.
Mit dem Tod von Pu Ren geht in China endgültig die einst mächtige Dynastie der Adelsfamilie Aisin Giorro zu Ende. Zu seinem Bruder Pu Yi, dem letzten Kaiser von China, bekannte sich Pu Ren erst sehr spät.


Von Johnny Erling|derStandard,at

„Nennen Sie mich Lehrer Jin“, pflegte der alte Mann zu sagen. „Ich heiße Jin Youzhi.“ Doch sein richtiger Name lautete Aisin Giorro Pu Ren – der letzte direkte Nachfahre aus der mandschurischen Adelsfamilie Aisin Giorro, der letzte Bruder des letzten Kaisers von China, Pu Yi. Vergangenen Freitag ist Pu Ren in Peking verstorben, er wurde 96 Jahre alt. Die Parteizeitung Beijing Ribao würdigte ihn unter seinem adligen Namen – und lobte ihn, weil er einst „eine Volksschule in Pekings Haupteinkaufsstraße Wang Fujing begründete.“

Der im September 1918 geborene Pu Ren war der jüngste von vier Brüdern, unter denen Pu Yi (1906-1967) im Alter von drei Jahren ausgewählt wurde, den Kaiserthron zu besteigen. Der „Kinderkaiser“ musste aber schon kurz nach der Revolution 1911 abdanken, als die Republik das 2000-jährige Kaisertum beendete.

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Missbrauch: Vatikan deckt Vertuschungs-Apostel

Das schon eher.
Das schon eher.
Opfer sexuellen Missbrauchs wollen im Beratergremium von Papst Franziskus auf eine Entlassung des chilenischen Bischofs Juan Barros hinwirken. Der Brite Peter Saunders, eines von wenigen Laienmitgliedern im päpstlichen Missbrauchskomitee und persönlicher Betroffener, sagte der Zeitung „The Guardian“ am Montag, die Vertuschungsvorwürfe sprächen für eine Entfernung des Bischofs von Osorno aus dem Bischofsamt.


kathweb

Dem Bericht zufolge habe es ein Treffen der Missbrauchsopfer mit dem Bostoner Kardinal Sean O’Malley, dem Vorsitzenden des päpstlichen Komitees, gegeben. Dort protestierten sie nach Angaben von Saunders gegen das Vorgehen des Vatikan in dem Fall.

Der Vatikan hatte zuletzt die Ernennung des umstrittenen Bischofs Juan de la Cruz Barros Madrid verteidigt. Die Bischofskongregation habe die Nominierung zuvor genau geprüft und „keine objektiven Gründe gefunden, die gegen die Ernennung sprachen“.

Kritiker werfen dem 58-Jährigen vor, er habe als junger Geistlicher sexuelle Übergriffe eines anderen Priesters gegenüber Jugendlichen gedeckt.

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Bedford-Strohm: Religion nicht aus Öffentlichkeit verdrängen

Themenbild.
Themenbild.
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hat davor gewarnt, Religion zur Privatsache zu machen. „Mehr denn je brauchen wir in Deutschland wie in Europa Orte und Zeitpunkte der öffentlichen Auseinandersetzung mit Religion“, schreibt der Theologe in einem Beitrag der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.


evangelisch.de

Zunehmender religiöser Pluralismus stelle die Gesellschaft vor die Voraussetzung, das Zusammenleben so zu gestalten, „dass die leitenden Orientierungsgrundsätze dieses Zusammenlebens begründungsoffen gestaltet und präsentiert werden“, ergänzte Bedford-Strohm. Als tragende Grundlage für die Gestaltung von Demokratie nannte der evangelische Theologe „die Menschenwürde und die daraus abgeleiteten Grundrechte“.

Mit Blick auf den Islam forderte der bayerische Landesbischof, der Islam solle seine Rolle als Akteur in einer vitalen demokratischen Zivilgesellschaft annehmen und ausbauen können. Bedford-Strohm sprach sich dafür aus, die „Modernisierungskräfte des Islams“ in Deutschland zu stärken. Als Voraussetzung dafür nannte er allerdings, dass die muslimischen Verbände „verlässliche, mitgliedschaftlich getragene Strukturen etablieren, in denen sie ihre Verantwortung als repräsentative Organisationen für die Muslime wahrnehmen können“.

✝Günter Grass: Ein Bürger aus dem Bilderbuch, stolz und eigensinnig

Günter Grass, 2006, Bild: wikimedia.org/CC BY 2.0
Günter Grass war unser Nationaldichter – so man darunter denn keine Figur von marmorglatter Blässe versteht. Sein Tod hinterlässt eine Lücke, die sich nicht mehr schließen wird. Ein Nachruf.


Von Eckhard Fuhr|DIE WELT

Die Stelle, die mit seinem Tod frei geworden ist, wird wohl nicht wieder besetzt werden. Nein, gemeint ist nicht die des „moralischen Gewissens der Nation“, als das sich aufzuspielen ihm immer wieder vorgeworfen worden ist. Auch nicht die des „politischen Oberlehrers“, der er gar nicht war, weil er viel zu leidenschaftlich dem Gedanken anhing, dass die Demokratie autoritative Wahrheitsansprüche nicht vertrage. Und schon gar nicht ist hier die Rede vom „engagierten Schriftsteller„, der in der Literatur ein Mittel zur Verbesserung der Welt sieht.

Dieses Geschäft betrieb er zwar, aber als Bürger, als Sympathisant und zeitweilig als Mitglied der SPD, und er vertrat dabei, im Wissen, dass hier das Zeitmaß des Schneckentempos gilt, Positionen, die man eher dem sozialdemokratischen Ortsverein als dem am utopischen Überschuss sich berauschenden intellektuellen Salon zurechnen muss.

Die offene Stelle, die Günter Grass hinterlässt, ist die des repräsentativen Autors, in dessen Werk sich eine Epoche verdichtet. Niemand hat in der deutschen Literatur nach 1945 wie er einen literarischen Kosmos geschaffen, in dem das „deutsche“ 20. Jahrhundert mit all seinen wahnwitzigen Brüchen und Verwerfungen nicht nur präsent, sondern auch souverän dem Regiment einer überbordenden poetischen Imagination unterworfen ist. 1999 wurde ihm für sein Gesamtwerk der Literaturnobelpreis verliehen.

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Philosophie: Evolutionärer Humanismus als Glaubensform

M. Schmidt-Salomon, Bild: BB
M. Schmidt-Salomon, Bild: BB
Überprüfbare Fakten statt ewiger Wahrheiten: Der evolutionäre Humanismus basiert auf den Erkenntnissen der Naturwissenschaften und steht damit im krassen Gegensatz zu den Religionen. Aber dennoch sei der evolutionäre Humanismus eine interessante alternative Glaubensform, meint der Philosoph Michael Schmidt-Salomon.


Michael Schmidt-Salomon im Gespräch mit Susanne Fritz|Deutschlandfunk

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Ganges: Viel Scheiße im heiligen Fluss

Badende Pilger im Ganges, Bild: rajasthan-reise.org
Die hohe Verunreinigung des Ganges, ausgelöst etwa durch Bestattungen im Fluss oder Fäkalbakterien, sei „bedrohlich“. Mit der „Clean India“-Kampagne soll auch der heiligen Fluss langfristig gesäubert werden.


Die Presse

Für die Hindus ist der Ganges ein heiliger Fluss. Sie baden in seinem stark verschmutzten Wasser, um sich von ihren Sünden zu reinigen, und verstreuen die Asche ihrer Verstorbenen in seinen Fluten. Außerdem bedrohen täglich 3,6 Milliarden Litern Abwasser den indischen Fluss zu ersticken. Indiens Regierungschef Narendra Modi versucht mit seiner vor einem Jahr angekündigten „Clean India“-Kampagne („Saueres Indien“ Indiens Image als eines der schmutzigsten Länder der Welt loswerden.

Zu Kampagnenstart, von der „Clean Ganga“ („Sauberer Ganges“) ein Teil im vergangenen Herbst nahm Modi selbst einen Besen in die Hand und kehrte in einer Wohnanlage in der Hauptstadt Neu Delhi. Bis zum 2. Oktober 2019, zum 150. Geburtstag des für seine Reinlichkeit bekannten Freiheitshelden Mahatma Gandhi, soll Indien sauber werden. Doch davon sei man am Ganges weit entfernt: „Nennen Sie mir irgendein Bakterium, und Sie können darauf wetten: Ganga hat es in sich“, zitiert die „Süddeutsche Zeitung“ einen Arzt aus der am Ganges gelegenen Stadt Varanasi.

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Zwei Dalai Lamas?

Dalai Lama in Hamburg, 1998. Foto: Jens Nagels

Der 15. Dalai Lama könnte sogar eine Frau sein. So raunte humorvoll sibyllinisch Tenzin Gyatso, der weltweit verehrte 14. Dalai Lama. Die überraschende, wenn auch von Lachen begleitete Äusserung hat einen ernsthaften Hintergrund. Exil-Tibeter und Peking streiten in der Reinkarnations-Frage um Deutungshoheit


Von Peter Achten|Nachrichten.ch

Wird es überhaupt einen 15. Dalai Lama geben? Der heute 79 Jahre alte Tenzin Gyatso, die 14. Reinkarnation in der fast 500 Jahre alten Geschichte der Institution, lässt die Frage offen. Chinas Regierung allerdings widerspricht. Die religiöse Reinkarnations-Frage wurde Mitte März einmal mehr aktuell bei den Beratungen des Nationalen Volkskongresses. Padma Choling, der Vorsitzende des Tibetischen Regionalkongresses, äusserte sich in der Grossen Halle des Volkes in Peking dabei, nicht zum ersten Mal, zur Wiedergeburt des Dalai Lama: «Ob er die Reinkarnation beenden will oder nicht, liegt nicht in seiner Hand». In einem Interview mit der «New York Times» wurde Padma Choling noch deutlicher: «Die Entscheidungsgewalt über die Reinkarnation des Dalai Lama und über das Ende oder das Überleben seiner Erbfolge liegt bei der Zentralregierung Chinas».

Strenge religiöse Regeln

Der Chef der tibetischen Exilregierung im indischen Dharamshala, der in Harvard ausgebildete Lobsang Sangay, sagte, jeder Anspruch Pekings, den Dalai-Lama-Nachfolger zu bestätigen, sei absurd. Er fügte ohne Blick auf die tibetische Geschichte das wahrlich schräge Argument hinzu: «Das ist so, als ob Fidel Castro sagte, ‚ich suche den nächsten Papst aus, und alle Katholiken müssen dem folgen’» . Der Tibeter Padma fasste in Peking den Standpunkt Chinas schliesslich so zusammen: Der Dalai Lama betreibe mit seinen Worten zur Reinkarnation «Blasphemie gegen den tibetischen Buddhismus» und «provoziert eine Spaltung».

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Tödliche Erreger: Mumien enthüllen Ursprung der Tuberkulose

Menschliche Mumie aus dem 16. Jahrhundert, Venzone, Norditalien. Bild: wikimedia.org/CC BY-SA 3.0
Wie hat sich der Tuberkulose-Erreger entwickelt? Ein Mumienfund aus Ungarn zeigt, dass sich die Keime über Jahrtausende in Europa hielten. Infektionen aus dem 18. und 19. Jahrhundert gehen auf den gleichen Bakterienstamm zurück wie aktuelle Fälle.


SpON

Tuberkulose war einst eine der häufigsten Todesursachen in Europa: Im 18. Jahrhundert erlebte die weiße Pest einen ihrer Höhepunkte. Doch es war bisher nicht klar, wie heute auftretende Stämme des Erregers zu denen passen, die es damals gab. Auch ist nicht abschließend belegt, wann die Tuberkulose ihren Ursprung nahm. Ein Mumienfund in Ungarn hat jetzt neue Erkenntnisse über die Herkunft und Ausbreitung der tödlichen Infektionskrankheit in Europa erbracht.

Mikrobiologen um Mark Pallen von der University of Warwick in Großbritannien konnten durch DNA-Analysen bei acht Mumien aus dem 18. und 19. Jahrhundert Erreger gleich mehrere Tuberkulose-Stämme (TBC) nachweisen. Alle Erreger wiesen genetische Merkmale eines auch heute noch bekannten Bakterienstammes auf, er wird Lineage 4 genannt.

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Nordkorea: Die Vergottung kommunistischen Erbadels

foto: apa/epa/rodong sinmun Bereits mit drei Jahren soll Kim Jong-un Autofahren gelernt haben. Hier sieht man den nordkoreanischen Machthaber bei der Landung eines Leichtflugzeugs
Der nordkoreanische Personenkult nimmt groteske Züge an. Für die Bevölkerung sollen die Mitglieder die Kim-Familie als gottähnliche Wesen erscheinen.


Blog | Fabian Kretschmer|derStandard.at

Kim Jong-un muss ein ziemlicher Frühstarter gewesen sein. Mit gerade einmal drei Jahren lernte er Autofahren. Als Neunjähriger lieferte er sich mit dem ausländischen Chef einer Yachtfirma ein erbittertes Bootsrennen, und auch wenn sämtliche Chancen gegen den kleinen Kim standen, gewann er schlussendlich dennoch. Viele solcher absurden Anekdoten werden nordkoreanische Schüler in Zukunft bald pauken müssen. Laut einem südkoreanischen Fernsehsender stehen sie nämlich in einem neu ausgehändigten Lehrbuch aufgelistet.

Natürlich lässt sich die Meldung nicht mit absoluter Sicherheit verifizieren, doch überraschend wäre sie nicht. Schon über Kim Jong-uns Vater kursieren in der nordkoreanischen Geschichtsschreibung geradezu surreale Fakten: Als Sportsmann höchster Güte soll Kim Jong-il während seiner ersten Bowling-Partie ein perfektes Spiel mit 300 Punkten hingelegt haben. Sogar noch beeindruckender scheinen seine Golf-Skills zu sein: Seine erste Runde beendete er mit 38 Schlägen und sagenhaften fünf Hole-in-ones.

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Neue Hymne: Erdogan wird als „letzter Ring in goldener Kette“ mit Attila, Mehmed II., Süleyman und Atatürk bezeichnet

erdogan-sultanDer türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist mit einer von einer osmanischen Militärkapelle gespielten „Neuen Türkei-Hymne“ bei einer Feier in Ankara als „unser Anführer“ willkommen geheißen worden. Das berichtete die Zeitung „Hürriyet“ am Wochenende.


Die Presse

Während der feierlichen Einweihung eines „Strategischen Forschungszentrums“ erklang im Beisein Erdogans die vom Ex-Politiker Hasan Celal Güzel komponierte Hymne. In Anlehnung an ihren Text erklärte der Präsident: „Der Kampf für die Neue Türkei ist unser Roter Apfel“.

Der „Rote Apfel“ („Kizil Elma“) galt im Osmanischen Reich als Symbol imperialer Bestrebungen und später als Sinnbild von auf Zentralasien ausgerichteten pantürkischen Ambitionen (Turanismus).

In der Hymne wird Erdogan als „unser Anführer“ („Liderimiz“) gepriesen. Dann werden historische Figuren wie Attila der Hunnenkönig, Reichsgründer Osman, Mehmed II. (der Eroberer Konstantinopels), Selim I. (der die Aleviten verfolgte), Süleyman der Prächtige (er belagerte 1529 Wien) und Republiksgründer Mustafa Kemal Atatürk genannt sowie weitere türkische Staatsmänner.

„Die türkische Nation steht loyal zu Dir, Erdogan, dem letzten Ring in der goldenen Kette“, heißt es weiter. Zudem wird gelobt, das von Erdogan angestrebte Präsidialsystem voll zu unterstützen, „immer mit der Kraft Allahs“.

Hans Joas Menschenrechte: Alles andere als ein sicherer Besitz

Wie ein Demonstrant beim Amerikagipfel in Panama City die Lage der Menschenrechte seitens der USA einschätzt. Foto: AFP
Eine Kampfschrift: Der Philosoph Hans Joas über die „westlichen Werte“, die der Westen gerne als exklusive Errungenschaften begreift.


Von Arno Widmann|Frankfurter Rundschau

Der 1948 geborene Sozialphilosoph Hans Joas lehrt in Berlin und Chicago. Er betrachtet die Prozesse, die zur – nie und nirgends gänzlichen – Abschaffung von Folter und Sklaverei führten, als Abschnitte der Entwicklung einer „Sakralisierung der Person“, die schon mit den Ethiken der Achsenzeit (800 bis 200 v. u. Z.) einsetzte. Nicht nur in Athen und Jerusalem, sondern auch in Indien und China.

Der lange, blutige und labyrinthische Weg von einer Ethik zu einem Recht wurde und wird überall anders begangen. Joas’ neueste Veröffentlichung wendet sich gegen die Versuche, diese Geschichte umzuschreiben zu einer der Selbstsakralisierung.

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Französischer Geheimdienstchef kritisiert Nato-Informationspolitik

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Ende März hat der ehemalige Nato-Oberkommandierende, US-General Wesley Clarke, einmal wieder die angebliche Gefahr herausgestellt, die von Russland ausgehe. Innerhalb der nächsten 60 Tage, so ein Bericht für US-Thinktank Atlantic Council, der für die Lieferung von Waffen an die Ukraine wirbt, könnten die Russen eine „Frühjahrsinitiative“ starten. Das will Clarke mit seinen Militärexperten nach Gesprächen mit dem ukrainischen Präsidenten Poroschenko, den Generalstabschef Viktor Muzhenko und anderen ukrainischen Militärs erfahren haben. Auf diese Weise werden interessengeleitet Informationen, die Behauptungen oder Befürchtungen sind, in der Öffentlichkeit verbreitet, um eine Aufrüstung der Ukraine zu forcieren.


Von Florian Rötzer|TELEPOLIS

Nach den Informationen der ukrainischen Seite sollen sich 9000 russische Soldaten mit modernster Militärtechnik im Donbass befinden. 100.000 russische Soldaten sollen an der Grenze und auf der Krim stationiert sein. Dass ein Angriff bevorstehe, will der General mit seinem Team aus „geografischen Imperativen, dem andauernden Muster der russischen Aktivität und einer Analyse der russischen Aktionen, Äußerungen und Putins Psychologie“ ableiten. Das klingt gut, wird aber nicht näher begründet. Russland führe, so weiß der Ex-Nato-Oberkommandierende 2seit Februar 2014″ eine neue Form des hybriden Krieg gegen die Ukraine. In der Ukraine finde kein Bürgerkrieg statt: „Es ist ein Krieg, der vom Kreml gesteuert, finanziert und unterstützt wird und der die Unzufriedenheit eines Teils der Bevölkerung im Donbass ausbeutet.“

Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat die Nato nun selbst angeblich Ähnliches berichtet: „Wir sehen weiterhin russische Unterstützung für die Separatisten – durch Ausrüstung, Truppen und Training. Russland bewegt Truppen und Ausrüstung immer noch hin und her über die offene Grenze zur Ukraine.“ Die Separatisten hätten nun mehr Waffen als jemals zuvor. Die Informationen kommen zu der Zeit, in der die gegen Russland gerichtete Eingreiftruppe – die so genannte „Speerspitze“ – erstmals mit Beteiligung deutscher Soldaten eine Übung unter dem Titel „Noble Jump“ abgehalten hat. Mindestens 200 Nato-Übungen werden dieses Jahr stattfinden. Der Verdacht liegt nicht ferne, dass dieses Wiederaufleben der Nato und die vermehrten Rüstungsausgaben auch durch das Schüren der Angst vor Russland möglich wird.

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Muslime sind gleichgültige Heuchler und Judenhasser

Ein Flüchtlingscamp in Libanon (Symbolfoto) © DFID – UK Department for International Development @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Welt-Chefkommentator Jacques Schuster ist Journalist. Zu seinem Job gehört die Recherche. Wenn es aber um die Verunglimpfung von Muslimen geht, zieht er Arbeitsverweigerung vor und lebt seine Abneigung in seinen Artikeln aus. So auch am Wochenende.


Von Sanjay Patel|MiGAZIN

“Es gibt zwei Arten von Toten – diejenigen, deren Schicksal sich politisch missbrauchen und deren Tragödie sich lautstark betrauern lässt, und diejenigen, welche halt gestorben sind.”

Das schreibt Jacques Schuster, Chefkommentator der Zeitung “die Welt” anlässlich des Leids der Palästinenser im syrischen Flüchtlingslager Jarmuk. Die Terrormiliz “Islamischer Staat” hatte letzte Woche große Teile von Jarmuk eingenommen. Die deutsche Presse spricht von Todeslager, tiefster Hölle, schwärzestes Loch der Hölle, tödlicher Falle und so weiter.

Jacques Schuster geht es in seinem Artikel weniger um diejenigen, die “halt gestorben” sind, sondern vornehmlich darum, was doch für “ewige Heuchler” die Muslime und Araber im Allgemeinen und die Palästinenser in Gaza und Westjordanland im speziellen sind. Sein Argument folgt dem typischen Muster des Lichterkettenarguments der selbst ernannten politisch Inkorrekten. Das Lichterkettenargument zielt darauf ab, Gutmenschen der Heuchelei zu überführen, weil diese nur bei rassistischen Übergriffen gegen Einwanderer mit Lichterketten protestieren, aber bei gewalttätigen Übergriffen von Einwanderern gegen Deutsche schweigen.

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Wurde die Expansion des Universums überschätzt?

Galaxie M82 mit einer Supernova Typ 1a © NASA/Swift/ P. Brown, TAMU
Das Universum dehnt sich vielleicht langsamer aus als bislang gedacht. Denn die für die Messung der kosmischen Expansion genutzten Typ 1a-Supernova sind doch nicht alle gleich hell. Stattdessen haben Astronomen nun zwei unterschiedliche Gruppen dieser Sternexplosionen identifiziert. Weil gerade die weiter entfernten Supernovae zum schwächeren Typ gehören, wurde die beschleunigte Ausdehnung des Kosmos und damit die Dunkle Energie wahrscheinlich überschätzt, so die Forscher im Fachmagazin „Astrophysical Journal.


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Sie galten bisher als die Standardkerzen des Kosmos: Bei Supernova des Typs 1a explodiert ein Weißer Zwerg in einem Doppelsternsystem und gibt dabei enorme Mengen Licht und Strahlung ab. Nach gängiger Annahme sind diese Explosionen immer gleich hell, weshalb sie sich hervorragend als Gradmesser für die kosmische Expansion eignen – so dachte man jedenfalls. Ende der 1990er Jahre entdeckte man mit ihrer Hilfe, dass sich das Universum seit rund sechs Milliarden Jahren immer schneller ausdehnt.

Aber sind wirklich alle Supernovae Typ 1a gleich? Um das zu überprüfen, untersuchten Peter Milne von der University of Arizona und seine Kollegen das Licht einer großen Stichprobe solcher Sternexplosionen im sichtbaren mit Hilfe des Hubble-Weltraumteleskops und im ultravioletten Licht mit dem Swift-Weltraumteleskop der NASA.

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Völkermord an den Armenien: Der Papst hat Recht – und irrt

Verehrungswürdige Puppe. Themenbild
Verehrungswürdige Puppe. Themenbild
Der Papst hat die Wahrheit gesagt, und dennoch ist ihm in einem wichtigen Punkt zu widersprechen. Seine Behauptung, der Genozid an den Armeniern sei der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts gewesen, ist falsch. Wer von Völkermord redet, darf über Kolonialverbrechen nicht schweigen. Ein Kommentar.


Von Christian Bommarius|Frankfurter Rundschau

Der Papst hat über den Völkermord an den Armeniern die Wahrheit gesagt, und dennoch hat er sich geirrt. Es ist wahr, dass die Türkei vor 100 Jahren beim Versuch, das Volk der Armenier auszulöschen, einen Genozid mit bis zu 1,5 Millionen Opfern verübt hat. Nicht diese unwiderlegliche Wahrheit ist „inakzeptabel“, wie die türkische Regierung behauptet, sondern die Reaktion der türkischen Regierung, die droht, die Äußerung Franziskus’ werde nicht ohne Folgen bleiben, und den Botschafter des Vatikans ins Außenministerium einbestellt. Es wäre interessant zu hören, was die Regierung bei dieser Gelegenheit dem Botschafter mitzuteilen hat  – dass die Wahrheit über den Völkermord an den Armeniern überall in der Welt ihren Platz hat, in der Türkei aber strafrechtlich verfolgt und mit Gefängnisstrafe bedroht wird?

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„Humanistische Alternative Bodensee“ nimmt Abstand von geplanter Demonstration „Wir sind Jan Hus“

Logo der Initiative
Logo der Initiative
Die Humanistische Alternative Bodensee (HABO) zeigt sich kritisch gegenüber einer geplanten Demonstration am 5. Juli 2015, die von einem Bündnis, an dem unter anderem Freidenker-Initiativen, der „Humanistische Freidenker-Verband Ostwürttemberg“ sowie der „Internationale Bund für Konfessionslose und Atheisten Baden-Württemberg“ beteiligt sind, ausgerichtet wird.


kath.net

Dies gab die HABO in einer Presseaussendung bekannt. Der Protest, der unter das Motto „Wir sind Jan Hus – für Gedankenfreiheit und Menschenrechte!“ gestellt wurde, soll an den Orten der Konstanzer Altstadt entlang führen, welche mit der

„Internationale Bund für Konfessionslose und Atheisten Baden-Württemberg“

während des Konzils in Verbindung gebracht werden und an dessen 600-jährigen Todestag man erinnern möchte.

Der Sprecher der HABO, Dennis Riehle, sieht nicht nur die Titelauswahl der Veranstaltung emotional aufgeladen: „Eine ‚Aktion gegen religiösen Terror‘, die laut den Veranstaltern eine Verbindung zwischen der brutalen Hinrichtung Hus‘ und dem Attentat auf das Satire-Magazin ‚Charlie Hebdo‘ Anfang Januar 2015 in Paris herstellen soll, wirkt auf mich befremdlich. Aus meiner Sicht werden hier eher Ressentiments geschürt als ehrlich und aufrichtig zu gedenken. Dass sich Atheisten, Humanisten, Freidenker und Konfessionslose für Grundrechte einsetzen, das ist selbstverständlich und berechtigt. In wieweit man hierfür allerdings zwei nach meinem Empfinden kaum miteinander vergleichbare, nicht alltägliche Ereignisse als Speerspitze eines Widerstandes heranziehen sollte, bleibt für mich fraglich“.

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Berlin: Volksverhetzung vor russisch-deutscher Schule

polizeiDer Staatsschutz ermittelt wegen Volksverhetzung vor einer russisch-deutschen Schule in Marzahn-Hellersdorf. Dort wurden einschlägige Flugblätter und eine Reichsflagge gefunden.


DER TAGESSPIEGEL

Auf dem Gelände der Lomonossow-Grundschule in Marzahn-Hellersdorf fand man am Sonntagmorgen Flugblätter und Pappschilder mit volksverhetzenden Inhalten. Der Inhalt hatte direkten Bezug dazu, dass es sich um eine russisch-deutsche Schule handelte. Außerdem befestigten Unbekannte eine Reichsflagge am Tor der Schule in der Allee der Kosmonauten und hängten eine Puppe mit einem Strick um den Hals von einem Basketballkorb.

Die Ermittlungen laufen.

Kampf der Resistenz

(NIH) heise.de
Die Weltgesundheitsorganisation befürchtet ein post-antibiotisches Zeitalter ohne Waffen gegen Infektionen. Wie gehen wir damit um? Neue Mittel allein reichen nicht.


Von Edda Grabar|Technology Review

Axel Nierhaus beschleicht ein ungutes Gefühl, eine Mischung aus Sorge und Hilflosigkeit. Es breitet sich immer dann aus, wenn sich wieder die Fälle von hartnäckigen Lungen- oder Harnwegsentzündungen mehren. Nierhaus ist Oberarzt in Deutschlands größter Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg. Vor einigen Zimmern steht in großen Lettern das Wort Isolation. Ärzte und Pfleger dürfen sie nur mit Mundschutz, Handschuhen und Ganzkörperkittel betreten. Denn hinter ihren Türen beginnt ein unheimliches Reich. Die Patienten sind von Bakterien befallen, gegen die kaum noch ein Mittel hilft. Sie verkleben die Lungen der Betroffenen oder überschwemmen ihr Blut.

Blutvergiftung nennt das der Volksmund, von Sepsis sprechen die Mediziner. Früher konnte Nierhaus zur Behandlung aus einem großen Arsenal an Antibiotika schöpfen. Doch mittlerweile versagen immer mehr Mittel, weil die Keime resistent gegen sie geworden sind. Mit 60.000 Todesfällen jährlich rangiert die Sepsis in der Statistik für Todesursachen in Deutschland an dritter Stelle hinter Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. „Befallen die Bakterien auch Organe oder fällt der Blutdruck in den Keller, stirbt mehr als die Hälfte der Sepsis-Patienten“, sagt Nierhaus. Dann kann er nur noch hilflos zusehen.

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