✝Günter Grass: Ein Bürger aus dem Bilderbuch, stolz und eigensinnig


Günter Grass, 2006, Bild: wikimedia.org/CC BY 2.0
Günter Grass war unser Nationaldichter – so man darunter denn keine Figur von marmorglatter Blässe versteht. Sein Tod hinterlässt eine Lücke, die sich nicht mehr schließen wird. Ein Nachruf.


Von Eckhard Fuhr|DIE WELT

Die Stelle, die mit seinem Tod frei geworden ist, wird wohl nicht wieder besetzt werden. Nein, gemeint ist nicht die des „moralischen Gewissens der Nation“, als das sich aufzuspielen ihm immer wieder vorgeworfen worden ist. Auch nicht die des „politischen Oberlehrers“, der er gar nicht war, weil er viel zu leidenschaftlich dem Gedanken anhing, dass die Demokratie autoritative Wahrheitsansprüche nicht vertrage. Und schon gar nicht ist hier die Rede vom „engagierten Schriftsteller„, der in der Literatur ein Mittel zur Verbesserung der Welt sieht.

Dieses Geschäft betrieb er zwar, aber als Bürger, als Sympathisant und zeitweilig als Mitglied der SPD, und er vertrat dabei, im Wissen, dass hier das Zeitmaß des Schneckentempos gilt, Positionen, die man eher dem sozialdemokratischen Ortsverein als dem am utopischen Überschuss sich berauschenden intellektuellen Salon zurechnen muss.

Die offene Stelle, die Günter Grass hinterlässt, ist die des repräsentativen Autors, in dessen Werk sich eine Epoche verdichtet. Niemand hat in der deutschen Literatur nach 1945 wie er einen literarischen Kosmos geschaffen, in dem das „deutsche“ 20. Jahrhundert mit all seinen wahnwitzigen Brüchen und Verwerfungen nicht nur präsent, sondern auch souverän dem Regiment einer überbordenden poetischen Imagination unterworfen ist. 1999 wurde ihm für sein Gesamtwerk der Literaturnobelpreis verliehen.

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