Zwei Dalai Lamas?


Dalai Lama in Hamburg, 1998. Foto: Jens Nagels

Der 15. Dalai Lama könnte sogar eine Frau sein. So raunte humorvoll sibyllinisch Tenzin Gyatso, der weltweit verehrte 14. Dalai Lama. Die überraschende, wenn auch von Lachen begleitete Äusserung hat einen ernsthaften Hintergrund. Exil-Tibeter und Peking streiten in der Reinkarnations-Frage um Deutungshoheit


Von Peter Achten|Nachrichten.ch

Wird es überhaupt einen 15. Dalai Lama geben? Der heute 79 Jahre alte Tenzin Gyatso, die 14. Reinkarnation in der fast 500 Jahre alten Geschichte der Institution, lässt die Frage offen. Chinas Regierung allerdings widerspricht. Die religiöse Reinkarnations-Frage wurde Mitte März einmal mehr aktuell bei den Beratungen des Nationalen Volkskongresses. Padma Choling, der Vorsitzende des Tibetischen Regionalkongresses, äusserte sich in der Grossen Halle des Volkes in Peking dabei, nicht zum ersten Mal, zur Wiedergeburt des Dalai Lama: «Ob er die Reinkarnation beenden will oder nicht, liegt nicht in seiner Hand». In einem Interview mit der «New York Times» wurde Padma Choling noch deutlicher: «Die Entscheidungsgewalt über die Reinkarnation des Dalai Lama und über das Ende oder das Überleben seiner Erbfolge liegt bei der Zentralregierung Chinas».

Strenge religiöse Regeln

Der Chef der tibetischen Exilregierung im indischen Dharamshala, der in Harvard ausgebildete Lobsang Sangay, sagte, jeder Anspruch Pekings, den Dalai-Lama-Nachfolger zu bestätigen, sei absurd. Er fügte ohne Blick auf die tibetische Geschichte das wahrlich schräge Argument hinzu: «Das ist so, als ob Fidel Castro sagte, ‚ich suche den nächsten Papst aus, und alle Katholiken müssen dem folgen’» . Der Tibeter Padma fasste in Peking den Standpunkt Chinas schliesslich so zusammen: Der Dalai Lama betreibe mit seinen Worten zur Reinkarnation «Blasphemie gegen den tibetischen Buddhismus» und «provoziert eine Spaltung».

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