Palästinenser: Opfer der eigenen Elite


Palästinenser zeigen Solidarität mit den Eingeschlossenen des Flüchtlingslagers Jarmuk Jarmuk picture alliance
Das Flüchtlingslager Jarmuk am Rande der syrischen Hauptstadt Damaskus entwickelt sich nach den Worten von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zum „Todeslager“. 18.000 Palästinenser sollen dort eingeschlossen sein. Doch auf Hilfe aus den eigenen Reihen können sie nur bedingt hoffen. Denn das palästinensische Volk ist Opfer arabischer, islamischer – und elitär palästinensischer Politik.


Von Michael Wolffsohn|Cicero

„Jarmuk“ in Damaskus ist die Hölle der Palästinenser. Bis vor Kurzem kannte kaum jemand diesen Namen. Der Jarmuk, Grenzfluss zwischen Syrien und Jordanien, ist der größte Nebenfluss des religions- und geschichtspolitisch so bedeutsamen Jordan. Jarmuk weist auf den ersten Blick also nicht unbedingt gleich auf Palästina.

Beim zweiten Blick ist klar: Wer diesen Namen für das 1957 damals bei, heute in Süd-Damaskus gelegene Lager (bis zur Zerstörung wurde es ein eher bürgerlicher Stadtteil) wählte, wollte signalisieren: Palästina ist ein Teil Syriens, es geht in Syrien auf. Der Name Jarmuk ist Programm: Palästina habe in Syrien aufzugehen. Nicht nur Palästina, auch Jordanien, welches zu Groß-Syrien, dem eigentlichen, historischen Syrien, gehörte.

Das Völkerrecht ist im Nahen Osten eine Gefahr

Historisch ist der großsyrische Gedanke belegbar, völkerrechtlich ist er überholt, obwohl er den ethnischen, bevölkerungspolitischen und religiösen Strukturen der Region organischer angepasst war als die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden künstlichen Staatengebilde Syrien, Libanon oder Jordanien. Dieser künstlichen Grenzziehung wegen brachen die Bürgerkriege aus, und wir stehen noch lange nicht am Ende dieser Entwicklung. Sie wird auch Jordanien und weitere arabisch-islamische Staaten treffen. Hart, aber wahr: Das Völkerrecht ist, so gesehen, kein Garant, sondern in diesem Fall strukturelle Gefahr für Frieden und Gerechtigkeit in Nahost.

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