„Flüchtlinge können nicht einfach zur Deutschen Botschaft spazieren“

Bild: evangelisch.de
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Angesichts der jüngsten Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer fordert die Göttinger Migrationsforscherin Sabine Hess eine weitgehende Aufhebung des Visumszwangs.


evangelisch.de

Das müsse zumindest für Länder gelten, in denen Kriege oder Bürgerkriege die Menschen in die Flucht trieben, sagte die Wissenschaftlerin dem Evangelischen Pressedienst (epd). Konkret nannte sie Syrien, Afghanistan, den Irak, Somalia und Eritrea. Hess ist Professorin am Institut für Kulturanthropologie der Göttinger Universität und beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit Migrationsforschung.

An ein Visum zu gelangen, sei für viele Flüchtlinge „ein Ding der Unmöglichkeit“, erläuterte die Forscherin: „Die können in der Regel nicht einfach zur Deutschen Botschaft in ihrem Land spazieren und sich ein Visum in den Pass stempeln lassen“.

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Türkei beruft Botschafter nach Ankara ein

Recep Tayyip Erdogan (Bild: Regierung v. Chile, CC-BY 3.0)
Recep Tayyip Erdogan (Bild: Regierung v. Chile, CC-BY 3.0)
Die Regierung in Ankara protestiert mit der Maßnahme gegen die Verwendung des Wortes „Völkermord“ in einer Erklärung des österreichischen Nationalrats.


Die Presse

Die türkische Regierung hat aus Protest gegen die Erklärung des Österreichischen Nationalrats zum Völkermord an den Armeniern 1915 ihren Botschafter Mehmet Hasan Gögüs zu Konsultationen nach Ankara einberufen.  Davon informierte Gögüs die „Presse“ Mittwochabend auf dem Weg zum Flughafen.

Dies sei ein erster Schritt, sagte der Botschafter und kündigte eine offizielle Stellungnahme des Außenministeriums in Ankara an.

„Aufgrund der historischen Verantwortung – die österreich-ungarische Monarchie war im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündet – ist es unsere Pflicht, die schrecklichen Geschehnisse als Genozid anzuerkennen und zu verurteilen“, hatte es in einer Erklärung der Klubobleute Andreas Schieder (SPÖ), Reinhold Lopatka (ÖVP), Heinz-Christian Strache (FPÖ), Eva Glawischnig (Grüne), Waltraud Dietrich (Team Stronach) und Matthias Strolz (Neos) am Dienstag geheißen, und weiter:  „Ebenso ist es die Pflicht der Türkei, sich der ehrlichen Aufarbeitung dunkler und schmerzhafter Kapitel ihrer Vergangenheit zu stellen und die im Osmanischen Reich begangenen Verbrechen an den Armeniern als Genozid anzuerkennen.“

Kosmische Teilchen durchleuchten Gewitter

Kosmischer Teilchenschauer (grafisch) bei einem Gewitter über dem LOFAR-Kern. © Radboud Universität
Vom Blitz getroffen: Die charakteristischen Radiosignale kosmischer Strahlung könnten helfen, Blitze und Gewitter besser zu verstehen. Denn Forschern ist es gelungen, aus diesem Rauschen wertvolle Informationen über das Innenleben der Gewitterwolken zu gewinnen. Damit wollen die Wissenschaftler den Ursprung von Blitzen erklären und auch die Wettervorhersage verbessern, schreiben sie im Fachmagazin „Physical Review Letters“.


scinexx

Blitze während eines Gewitters sind ein beeindruckendes Naturschauspiel – wie und vor allem wann sie entstehen ist jedoch in vieler Hinsicht noch unklar. Gewitterwolken zu erforschen ist schwierig: Flugzeuge, Ballons oder kleine Raketen können zwar in eine Wolke vorstoßen, sie erfassen dabei aber nur ihre direkte Umgebung. Außerdem beeinflussen die Fluggeräte selbst das elektrische Feld in der Wolke und können so die Messung verfälschen. Hinzu kommen aufgrund der hohen elektrischen Spannung besondere Ansprüche an die Messelektronik.

Hochenergetische Teilchen aus Sternenexplosionen

Energiereiche kosmische Teilchen könnten einen Ausweg liefern: Sie entstehen beispielsweise bei Sternenexplosionen und treffen andauernd auf die Erdatmosphäre. Beim Aufprall erzeugen die hochenergetischen Partikel einen ganzen Schauer von Elementarteilchen. Diese Teilchenschauer lassen sich durch typische Radiosignale nachweisen – und sie könnten auch Informationen über das elektrische Feld eines Gewitters liefern, weil diese das Verhalten der Teilchen beeinflussen.

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Die neue religiöse Intoleranz

Die Gesellschaften des Westens sind im Zuge der Ereignisse vom 11. September 2001 intoleranter geworden, insbesondere gegenüber dem Islam. Diese Intoleranz zeige sich unter anderem darin, dass Frankreich und Belgien ein Burka-Verbot, das die Totalverschleierung von muslimischen Frauen in der Öffentlichkeit gesetzlich verbietet, erlassen haben, und die Schweiz ein Referendum über ein Verbot von Minaretten abgehalten hat, obwohl es nur vier landesweit gibt.


Von Ludwig Watzal|BETWEEN THE LINES

Für Martha Nussbaum, Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago, beruhe diese Haltung auf Angst. Sie sei eine „verdunkelnde Voreingenommenheit“, die den Fokus auf die eigene Person lege und „die anderen Menschen in die Dunkelheit verbannt“. Die Angst verenge die Sicht auf die Welt und die Mitmenschen. Für die Autorin stelle die Burka keine Bedrohung für die Umwelt dar, da sie weder die öffentliche Sicherheit bedrohe noch eine Degradierung der Frau symbolisiere.

Letzterem Argument wird aber heftigste von zahlreichen weiblichen muslimischen Intellektuellen widersprochen, weil die Burka nichts mit dem Islam zu tun habe, das heißt, sie ist nicht im Koran erwähnt, sondern sei ein überkommenes kulturelles Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument einer patriarchalisch-dominierten Männerwelt. Nussbaums Argument, dass das Tragen der Burka ein Ausdruck von Religionsfreiheit sei, ist zurückzuweisen, da über sie und selbst über das bloße Kopftuch nichts im Koran steht. Im 4. Kapitel führt sie einige wenig überzeugende Argument an, warum das Burka-Verbot unbegründet ist.

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Der Zustand des europäischen und deutschen Asylsystems

Bild: Humanistische Union

Eigentlich hat die europäische Union ein relativ liberales Asylsystem. Problematisch daran ist „nur“, inwiefern Flüchtlinge überhaupt Zugang zu diesem System erlangen können – meinen Jürgen Bast und Daniel Thym, beides ausgewiesene Experten im europäischen Verfassungsrecht und im Migrationsrecht. Im Gespräch mit der Redaktion der Vorgänge erläutern sie die strukturellen Probleme in der Anwendung und Umsetzung des europäischen Asylrechts, bei der Grenzsicherung und der Verteilung der Aufgaben innerhalb der EU.

Humanistische Union

Macht das rechtlich geregelte Asylsystem der EU Europa zur Festung?

Bast: Das Kernproblem des Europäischen Asylsystems ist, dass es zwar individuelle Rechtsansprüche für schutzbedürftige Migrantinnen und Migranten schafft, aber keine sicheren und legalen Zugangsmöglichkeiten zu diesem gemeinsamen Asylraum eröffnet, sondern die Flüchtlinge auf hochriskante und teure Reisewege verweist. Ich persönlich mag die „Festungs“-Rhetorik nicht, wegen ihrer Ursprünge in der nazistischen Kriegspropaganda und weil sie zu einfache Vorstellungen darüber hervorruft, wie das System der Zugangsverhinderung funktioniert. Nach etwa einem Jahrzehnt der Europäisierung des Asylrechts bin ich gleichwohl davon überzeugt, dass das Alternativmodell, das Nebeneinander nationaler Asylsysteme, noch restriktivere Politikergebnisse hervorgebracht hätte.

Thym: Das Asylsystem macht Europa nicht zur Festung, weil die Definition des Asylbegriffs in den europäischen Rechtsakten vergleichsweise liberal ist – auch im internationalen Vergleich und im Vergleich zur früheren deutschen Rechtsprechung. Dies sieht man etwa daran, dass für bestimmte Herkunftsstaaten, etwa Syrien, die Schutzquote aktuell bei weit über 95 Prozent liegt. Der Streit dreht sich nicht um die Anerkennung, sondern um den Zugang.

Artikel 18 der Grundrechtecharta garantiert das Recht auf Asyl. Welche legalen und sicheren Zugänge gibt es für asylberechtigte Personen zu diesem Recht? Darf die EU asylberechtigte Personen durch immer weitere Abschottung der Außengrenzen und eine Zugangsverhinderungspolitik durch Kooperation mit den Anrainerstaaten auf Abstand halten, so dass diese gar nicht erst Asyl beantragen können – obwohl sie asylberechtigt sind?

Bast: In der bisherigen Rechtspraxis spielt Art. 18 der Grundrechte-Charta keine Rolle; er hat sicherlich Potential für zukünftige rechtspolitische Auseinandersetzungen. Die maßgeblichen Impulse für das Europäische Asylsystem gehen vom Unionsgesetzgeber aus, der den Kreis der schutzbedürftigen Personen in der sogenannten Qualifikationsrichtlinie vergleichsweise offen definiert hat. Die EU hat beispielsweise eine liberalere Flüchtlingsdefinition als die Bundesrepublik Deutschland vor der Europäisierung des Asylrechts. Ebenso wie die alte Bundesrepublik versteht die EU das Asylrecht aber bislang als ein territorial gebundenes Recht, dass grundsätzlich erst auf dem Hoheitsgebiet eines EU-Mitgliedstaats geltend gemacht werden kann.

Thym: Die Frage kann man so verstehen, dass aus Art. 18 der Grundrechtecharta folge, dass Flüchtlinge immer auch einen sicheren und legalen Zugang zum Territorium erhalten sollen. Dies ist jedoch nicht der Fall; die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) schützt vor der Rückführung in Staaten, in denen eine Verfolgung droht, gilt jedoch erst dann, wenn man in einem Staat ist. Aus der GFK folgt für sich genommen kein individuelles Recht auf legale und freie Zugangswege. Aktiv fördern muss die EU die rechtmäßige Einreise von Flüchtlingen nicht, auch wenn sie gerade dies im Rahmen des sogenannten Resettlement durchaus unternimmt, wenn allein für Deutschland über 10.000 Flüchtlinge aus Syrien ein Einreisevisum erhielten. Unabhängig davon gehen die Gerichte zutreffend davon aus, dass die Grenzkontrollen, Visa-Anforderungen oder auch die Kooperation mit Drittstaaten prinzipiell nicht gegen die GFK oder die internationalen Menschenrechte verstoßen – was jedoch nicht heißt, dass man über die Richtigkeit dieser Maßnahmen nicht politisch streiten sollte. Letzteres muss ganz gewiss sein; es ist jedoch eine politische Debatte.

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Erdoğan und Putin schließen Bündnis gegen Gülen-Bewegung

Premierminister Recep Tayyip Erdoğan und Präsident Wladimir Putin sind sich in vielerlei Hinsicht einig. (Screenshot via Youtube)
Erdoğan und Putin sehen die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen als Sicherheitsbedrohung. Deshalb wollen die die Bewegung gemeinsam bekämpfen. Ein ehemaliger FBI-Berater sagt, dass die CIA und die Gülen-Bewegung kooperieren.


Deutsch Türkische Nachrichten

Die Gegner des islamischen Predigers Fethullah Gülen mehren sich. Der türkische Premier Erdoğan soll sich deshalb bei einem Russland-Besuch im vergangenen Jahr mit Präsident Putin auf die Bekämpfung Gülens geeinigt haben.

Der russische Politologe Vitaly Naumkin schreibt in einem Beitrag von Al-Monitor:

„Paradoxerweise ist es die gemeinsame negative Einstellung gegen die Aktivitäten Fethullah Gülens, die die Annäherung zwischen Russland und der Türkei gefördert hat.“

Die Schulen des islamischen Predigers wurden in Russland 2002 geschlossen. Auslöser war ein schwerwiegender Vorwurf, den der Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation (FSB) als erwiesen ansah. Die Mitglieder der Gemeinde sollen für die CIA spioniert haben. Der ehemalige FBI-Berater Paul L. Willams sagte im März 2014 der Zeitung Akşam, dass die CIA die Aktivitäten der Gülen-Bewegung in Zentralasien unterstützt habe.

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Altes Testament: Akademische Debatte oder Verrat an der Bibel?

Bild: katholisches.info
Bild: katholisches.info
Das „Marburger Jahrbuch Theologie“ richtet sich in der Regel an theologische Feinschmecker. Doch derzeit liefert die 25. Ausgabe, die schon vor zwei Jahren erschien, Stoff für einen heftigen Schlagabtausch unter evangelischen Theologen. In seinem Jahrbuchbeitrag „Die Kirche und das Alte Testament“ erörtert der evangelische Theologieprofessor Notger Slenczka die Frage, welchen Rang das Alte Testament für die christliche Kirche hat.


evangelisch.de

Slenczka stimmt dem Befund des renommierten Kirchenhistorikers Adolf Harnack (1851-1930) zu, wonach das Alte Testament theologisch dem Status der sogenannten Apokryphen zuzurechnen sei. Also jenen jüdischen Texten, die nicht dem biblischen Kanon und damit den heiligen Schriften zugeordnet werden. Denn das Alte Testament sei kein Zeugnis des Gottesverhältnisses, sondern Dokument „einer ethnisch gebundenen Stammesreligion“ mit partikularem Anspruch, argumentiert Slenczka, der an der Humboldt-Universität Berlin lehrt.

Über Fachkreise hinaus Aufmerksamkeit fand der wissenschaftliche Beitrag erst mit einer Stellungnahme des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Deren evangelischer Präsident, der hessen-nassauische Pfarrer Friedhelm Pieper, kritisiert darin „einen handfesten Skandal im gegenwärtigen deutschen Protestantismus“. Denn Slenczka verlasse mit seinen Thesen einen „Grundkonsens christlicher Theologie“, seine Abhandlung stelle eine „Neuauflage des protestantischen Antijudaismus“ dar.

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Jüdisch-messianische Gemeinden: Wir betreiben keine Judenmission

Leuchter, der Davidstern und der Fisch. Messianische Juden
Leuchter, der Davidstern und der Fisch. Messianische Juden
Rund 100.000 Teilnehmer werden zum Deutschen Evangelischen Kirchentag vom 3. bis 7. Juni in Stuttgart erwartet. Doch eine Gruppe darf nicht mitwirken: die etwa 1.500 messianischen Juden in Deutschland, die an Jesus Christus als den dem Volk Israel verheißenen Messias glauben.


kath.net

Sie verfolgen nach Ansicht des Kirchentagspräsidiums judenmissionarische Absichten, was den jüdisch-christlichen Dialog infrage stelle. Der Leiter der messianisch-jüdischen Gemeinde „Schma Israel“ (Höre Israel), Pastor Anatoli Uschomirski (Stuttgart), kritisiert den Ausschluss in einem Beitrag für die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar). Nach seinen Worten wird religiöse Toleranz beim Kirchentag großgeschrieben. So sei der Dalai Lama – er ist Oberhaupt des tibetischen Buddhismus – bei einem früheren Protestantentreffen (2003 in Berlin) als „geistlicher Star“ gefeiert worden. Muslimische Gruppen und Vereine hätten einen Platz beim „Markt der Möglichkeiten“ des Treffens. „Nur wir dürfen nicht teilnehmen“, so Uschomirski. Die messianischen Gemeinden fühlten sich durch den Ausschluss gekränkt: „Wir sind sehr enttäuscht, dass wir unsere Bewegung nicht präsentieren können, obwohl Jesus selber Jude war. Er wusste sich zunächst zu seinem eigenen Volk gesandt, damit Juden ihn vor allen anderen Völkern bezeugen können.“ Das hätten die ersten jesusgläubigen Juden aufrichtig getan: „Doch nach 2.000 Jahren werden ihre Nachfolger von der EKD und ihrem Kirchentag abgelehnt.“ Uschomirski betont ferner, dass jüdisch-messianische Gemeinden keine Judenmission betreiben: „Wir wollen nicht Juden zu Christen machen, sondern in Demut und Liebe dem jüdischen Volk den jüdischen Messias verkünden und Juden ermutigen, gleichzeitig ihre jüdische Identität zu leben.“

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Liberale Muslime in Deutschland schließen sich zusammen

Gebet-islamReformfreudige Muslime, Aleviten und Jesiden haben sich auf Initiative der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Muslimischen Forum Deutschland zusammengeschlossen.


evangelisch.de

„Wir möchten der Mehrzahl der in Deutschland lebenden und bisher nicht vertretenen Muslime Gehör verschaffen“, zitiert die Wochenzeitung „Die Zeit“ das Gründungspapier, das an diesem Donnerstag in Berlin vorgestellt werden soll.

In dem Memorandum heißt es: „Die Mehrheit der Muslime ist unterrepräsentiert. Deshalb wollen wir der Politik einen weiteren Ansprechpartner anbieten, der die Positionen von Muslimen wiedergibt.“ Zu den Erstunterzeichnern zählen Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster und Erdal Toprakyaran, Direktor des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Tübingen.

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Wenn „Besorgte Eltern“ zur realen Bedrohung werden

Bild: blog.aidshilfe.de
Die bundesweit agierende Initiative „Besorgte Eltern“ protestiert gegen den modernen Sexualkundeunterricht an Schulen und entpuppt sich als homosexuellenfeindliche und antifeministische Bewegung. In Kassel formiert sich nun eine Gegenkundgebung, angeführt von der AIDS-Hilfe Kassel.


Von Axel Schock|Deutsche Aidshilfe

„Werbung für sexuelle Vielfalt? Nein Danke“ und „Finger weg von unseren Kindern“ ist auf ihren Transparenten und Demoplakaten zu lesen. In mittlerweile monatlichem Turnus ruft die Bewegung „Besorgte Eltern“ seit 2014 zu Protestaktionen auf, quer durch die Republik. Allein in diesem Jahr sind bislang 13 solcher Demonstrationen angekündigt, so unter anderem am 25. April in der documenta-Stadt. Doch es formiert sich Widerstand. Unter dem Motto „Für Vielfalt und ein buntes Miteinander in Kassel“ hat ein breites Bündnis vom AStA der Universität, von pro familia und Parteien wie Die Linke, SPD und Bündnis 90/die Grünen bis zum CSD e. V. zu einer Gegenkundgebung aufgerufen.

Die Federführung dazu hat die Aidshilfe Kassel. Der 21-jährige Tarek Shukrallah, Projektkoordinator für Schwule, Bisexuelle und andere MSM in der AIDS-Hilfe Marburg e.V., beteiligt sich auch an den Mobilisierungen. Was die Bewegung „Besorgte Eltern“ antreibt und weshalb dem Aufruf der AIDS-Hilfe Kassel e.V. Folge geleistet werden sollte, den Homohassern Einhalt zu bieten, erklärt er im Gespräch mit magazin.hiv.

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Kinderfotos im Netz: Der Missbrauchsvorwurf zieht Schuld von Tätern ab

Über die Frage, ob Kidnerfotos in Blogs und Sozialen Netzwerken gepostet werden sollen, gibt es eine breite Debatte. – Foto: dpa
Caroline Fetscher hatte in einem Kommentar, das inflationäre Posten von Kinderfotos als Missbrauch bezeichnet. Das ist falsch, antwortet Susanne Mierau nun. Das Internet soll nicht auch noch ein kinderfreier Raum werden. Die Gesellschaft sei schon auf dem Weg dahin.


Von Susanne Mierau|DER TAGESSPIEGEL

Kürzlich titelte der Tagesspiegel „Das Zurschaustellen der eigenen Kinder im Internet ist Missbrauch“ und der Beitrag ließ die Debatte, ob Kinderfotos im Netz gezeigt werden dürfen oder nicht, wieder aufleben. Denn Tatsache ist: die Abbildung von Kindern im Internet ist längst keine Seltenheit mehr. Neu thematisiert durch das Blog der kleinen Mimi, deren Eltern seit der Geburt ihren Alltag öffentlich festhalten.

Doch dies ist lange keine Seltenheit mehr: Von rund 1500 Elternblogs geht Brigitte Mom aus, die eine Liste dieser Blogs pflegt. Viele davon zeigen Bilder der Kinder. Wenn in den Medien nach dem Sinn dieser Darstellung gefragt wird, wird oft kurzerhand verurteilt:  Der Selbstdarstellungsdrang der Eltern sei Schuld. Vielleicht auch noch finanzielle Interessen durch die Vermarktung des Blogs. Doch diese Argumentation, die auch Caroline Fetscher in ihrem Artikel verfolgt, greift zu kurz: Aufgrund der Breite der Angebote muss man die bloggenden Eltern als gesellschaftliche Entwicklung betrachten, nicht als Randerscheinung psychisch beeinträchtigter Eltern.

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Jihad-Tourismus: Türkei verhängte fast 13.000 Einreiseverbote

Deutsche im IS-Krieg - Nur über die anderen lesen wir nichts in der Presse © Sara @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Deutsche im IS-Krieg – Nur über die anderen lesen wir nichts in der Presse © Sara @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Die türkische Regierung hat nach eigenen Angaben mit einem Ansturm von ausländischen Extremisten zu kämpfen, die von der Türkei aus zum Jihad in Syrien aufbrechen wollen. Außenminister Mevlüt Cavusoglu sagte am Dienstag bei einem Besuch in Washington, sein Land habe gegen 12.800 Verdächtige ein Einreiseverbot verhängt. 1.300 ausländische Kämpfer seien ausgewiesen worden.


derStandard.at

Die Region befinde sich derzeit in einer „kritischen Phase“, so Cavusoglu: „Die Türkei ist eines der Transitländer für die ausländischen Kämpfer, und wir tun unser Bestes, damit das aufhört. Aber auch die Herkunftsländer müssen ihr Bestes tun, um diese Kämpfer festzunehmen, bevor sie aufbrechen.“ Dazu sei eine bessere internationale Zusammenarbeit nötig, etwa beim Informationsaustausch.

Kerry nimmt Herkunftsländer in Pflicht

Die an Syrien, den Irak und den Iran grenzende Türkei sei ein entscheidender Partner der USA bei der Bekämpfung der Jihadistenorganisation „Islamischer Staat“ (IS), sagte US-Außenminister John Kerry. Die IS sei zuletzt unter Druck geraten und daher „enorm von neuen Rekruten“ abhängig.

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Kermit, der Frosch, lebt in Costa Rica!

Über seine Ähnlichkeit zu dem Glasfrosch Hyalinobatrachium dianae wundert sich nicht nur sein Double Kermit.© Brian Kubicki – Costa Rican Amphibian Research Center/ picture alliance
In Costa Rica wurde ein Frosch entdeckt, der dem TV-Star Kermit verblüffend ähnelt: Knallgrün, große Kulleraugen – sozusagen der Stereotyp eines Froschs. Nur sein Balzruf ist so gar nicht froschgemäß.


stern.de

Es könnte der Beginn einer wunderbaren Entdeckungsserie sein: In den Regenwäldern Costa Ricas hat der Forscher Brian Kubicki einen neuen Glasfrosch entdeckt, der verblüffende Ähnlichkeit mit dem Muppet-Clan-Mitglied „Kermit“ aufweist.

Nicht nur die leuchtend grüne Haut des Hyalinobatrachium dianae erinnert auffallend stark an den TV-Plüschfrosch – es sind vor allem die großen Kulleraugen, die den Betrachter erst stutzen, dann unwillkürlich schmunzeln lassen.

Lange lebte der grasgrüne Glasfrosch unbehelligt im Talamanca Gebirge. Nun fand er über die Zoologiezeitschrift „Zootaxa“ seinen Weg in die Weltöffentlichkeit. Seit über 40 Jahren wurde keine neue Art des Glasfrosches mehr entdeckt.

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Pfaffenangst: Europa wird vom Atheismus bedroht

Die atheistische Bedrohung
Die atheistische Bedrohung
Papst Franziskus fordert bei einem Treffen mit Rabbinern Juden und Christen auf, den „Sinn für Religion“ lebendig zu halten – und kündigt Besuch des Grabtuchs in Turin an


Von Florian Rötzer|TELEPOLIS

Petersplatz eine „schnelle und entschiedene“ Reaktion der internationalen Gemeinschaft gefordert. Die ertrunkenen Flüchtlinge seien „Hungrige, Verfolgte, Verletzte, Ausgebeutete und Kriegsopfer auf der Suche nach einem besseren Leben und nach Glück“, es seien „Männer und Frauen wie wir“. Einen Tag zuvor hatte er beim ersten offiziellen Besuch des neuen italienischen Präsidenten Sergio Mattarella darauf hingewiesen, dass Italien mehr Unterstützung bei der Aufnahme der Flüchtline benötige und allgemein eine „konkrete Solidarität“ notwendig sei. Er forderte einen größeren Einsatz Europas und der Welt für die Flüchtlinge.

In einer kurzen Rede zu dieser Gelegenheit bekannte sich Franziskus zur Trennung von Staat und Kirche, wünschte sich aber ein gutes Verhältnis. Ein Treffen mit einem Politiker scheint sich hier schon sehr von einem solchen mit anderen Geistlichen zu unterscheiden. Am Montag empfing Franziskus im Vatikan europäische Rabbiner. Dabei verurteilte er mit Blick auf die Anschläge in Paris und Kopenhagen gegen Juden „jede Form von Antisemitismus“ und forderte dazu auf, „dem hebräischen Volk seine Solidarität zu zeigen“. Mit Hinweis auf die Befreiung des KZs Auschwitz vor 70 Jahren und die Shoa müssten auch jetzt, „überall Hass- und Gewalttaten gegen Christen und Angehörige anderer Religionen verurteilt werden“.

Offenbar sieht Franziskus nicht nur Hass und Gewalt gegen Anhänger von Religionen, sondern in Europa die Religion selbst bedroht. Anders als die Rechtspopulisten warnt er aber nicht vor dem Untergang des Abendlandes durch eine angebliche Islamisierung, die europäischen Gesellschaften seien vielmehr zunehmend durch den „Säkularismus“ und der „Drohung des Atheismus“ bedroht, also durch eine Abkehr vom Glauben oder, was es auch bedeuten könnte, durch einen weiteren Fortschritt der Aufklärung. Mehr denn je sei es wichtig, die „geistige und religiöse Dimension des menschlichen Lebens herauszustellen“.

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Völkermord – eine deutsche Erfindung

20 Schädel von getöteten Herero und Nama, die nach Deutschland gebracht wurden, gab die Berliner Universitätsklinik Charité 2011 zurück an Namibia. In der damaligen deutschen Kolonie wurde 1904 bis 1908 der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts verübt Foto: picture alliance / dpa
Lange hatte die Welt kein angemessenes Wort für die Vernichtung ganzer Nationen und Ethnien. Bis ein polnischer Anwalt, der vor den Nazis geflohen war, 1944 „Völkermord“ ins Englische übersetzte.


Von Matthias Heine|DIE WELT

Der mutmaßlich erste Völkermord an Armeniern fand nicht 1915 statt, sondern 688. Jedenfalls nennt der Historiker Friedrich Leopold zu Stolberg das, was der byzantinische Kaiser Justinian II. den Mardaiten antat, einen „fluchwürdigen Völkermord“. Die Mardaiten waren ein Volk im Nurgebirge, das sich entlang des Mittelmeeres von der Türkei über Syrien bis zum Libanon erstreckt. Viele Forscher glauben, die Mardaiten wären armenischen Ursprungs gewesen. Justinian II. ließ dieses Volk umsiedeln und zu großen Teilen abschlachten. Das Zitat von Stolberg aus seiner „Geschichte der Religion“ von 1832 ist einer der frühesten Belege des Wortes Völkermord in seiner heutigen Bedeutung.

In Berlin wird der Bundestag am Freitag über einen Antrag von CDU/CSU und SPD abstimmen. Darin werden die Vorgänge innerhalb des Osmanischen Reiches, die vor genau 100 Jahren zum Tod von bis zu 1,5 Millionen Armeniern führten, erstmals von einer deutschen Regierung als Völkermord bezeichnet, und die „unrühmliche Rolle des Deutschen Reichs“ wird bedauert. Die Wortwahl ist hier von höchster politischer Bedeutung, denn die Türkei will mit aller Macht verhindern, dass die Verbrechen von vor einem Jahrhundert Völkermord oder Genozid genannt werden.

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Schluss mit der Betroffenheit!

Bild aus einem Video von UNHCR.
Stilles Gedenken, eine Blume in den Wellen, Trauer-Smileys – die Tragödie im Mittelmeer hat uns aufgewühlt. Was für ein verlogenes Schauspiel.


Von Selma Mahlknecht|TELEPOLIS

Als im November 2014 die italienische Seenotrettungs-Operation „Mare Nostrum“ durch das Programm „Triton“ ersetzt wurde, gab es keinen Zweifel: Es würde Tote geben. Viele Tote.

Entsprechend kritisch fielen die Kommentare von Menschenrechtsorganisationen aus, Zeitungsartikel nahmen Stellung. Umsonst. „Mare Nostrum“ wurde versenkt, praktischerweise in der Wintersaison, die von Natur aus ruhiger ist. Im Alltagslärm der üblichen Sensationen, Katastrophen und Katzenvideos geriet das Flüchtlingsdrama in den Hintergrund.

Und jetzt das: innerhalb einer Woche hunderte Tote.

Das Geschrei ist groß. Wie konnte das geschehen?

Plötzlich haben es alle sehr eilig mit Beteuerungen, Mahnungen, Appelle an Menschenwürde, Menschenrechte, Menschenfreundlichkeit. Plötzlich sind alle dagegen. Also: gegen das Sterben. Und dafür. Dass „endlich was passiert“.

Dabei ist lediglich eingetreten, was vorhergesagt worden war. Wir sind sehenden Auges in dieses Desaster hineingegangen. „Hineingeschlittert“ ist da niemand, es war kein „Unfall“, keine „widrigen Umstände“ waren hier am Werk. Was im Mittelmeer geschehen ist, ist wortwörtlich der europäischen Willkür geschuldet. Wir haben es bewusst und damit letztlich billigend in Kauf genommen. Und mit „wir“ meine ich alle, die nicht vehement gegen diese angekündigte Tragödie eingetreten sind. Ich meine die Höhen der von jeglicher Menschlichkeit losgelösten Politik, ich meine die Niederungen des gemeinen Bürgers. Ich meine Sie und mich. Wir haben es kommen sehen. Jeder, der etwas anderes behauptet, lügt. Wir haben es kommen sehen und wir haben nichts unternommen. Gewiss: Ausschließlich noble und nachvollziehbare Beweggründe haben uns am einzig Richtigen gehindert.

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Studie: Kein Autismus durch Masern-Impfung

Bild: Centers for Disease Control/Barbara Rice (Public Domain - USGov)
Bild: Centers for Disease Control/Barbara Rice (Public Domain – USGov)
Erneute Entwarnung: Die Angst vor einem erhöhten Autismus-Risiko von Kindern durch die Masern-Mumps-Röteln -Impfung ist unbegründet. Das belegt die bisher größte Studie dazu mit gut 95.000 Kindern. Sie zeigt erneut, dass unter den als Säugling geimpften Kindern nicht mehr Autismus-Fälle auftreten als bei den nichtgeimpften. Dies galt selbst in den Familien, in denen es bereits ältere Geschwister mit Autismus gab, wie die Forscher im Fachmagazin „JAMA“ betonen.


scinexx

Das Gerücht, die Masern-Mumps-Röteln-Kombinationsimpfung (MMR) würde Autismus verursachen, kuriert seit Ende der 1990er Jahre. Auslöser war damals eine Veröffentlichung im Fachmagazin „The Lancet“, die sich hinterher nicht nur als falsch herausstellte, sondern sogar als teilweise auf gefälschten Daten beruhend. Seither haben zahlreiche Studien diesen vermuteten Zusammenhang wiederlegt.

Längst widerlegt – doch Ängste bleiben

Zudem weiß man heute, dass sich Indizien für einen Autismus bei den betroffenen Kindern schon lange vor der Impfung feststellen lassen: Sie zeigen unter anderem veränderte Hirnströme und ein stärkeres Kopfwachstum. Die auffallenden Symptome im Verhalten treten allerdings meist erst mit etwa eineinhalb bis zwei Jahren auf – und damit nach der MMR-Impfung. Deshalb hält sich die Angst mancher Eltern vor der Impfung hartnäckig – auch angeheizt durch Impfgegner.

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Wegen Missbrauchs-Vertuschung verurteilter Bischof tritt zurück

missbrauch_katholWegen Missbrauchs-Vertuschung verurteilter Bischof tritt zurück – Robert Finn wurde zu einem Symbol für das Versagen der US-Kirche im Umgang mit dem Missbrauch von Minderjährigen.


Von Thomas Spang|kath.net

Die Opfer sexueller Übergriffe von Priestern im Mittleren Westen der USA haben schon lange auf das Abdanken des umstrittenen Bischofs gewartet. Genauer gesagt vier Jahre, seit sie zusammen mit Katholiken des Bistums Kansas City-Saint Joseph in einer Petition öffentlich den Rücktritt von Robert Finn verlangten. Im Mai 2011 hatten die Behörden den Priester Shawn Ratigan festgenommen, auf dessen Computer sich Kinderpornografie fand, die dieser zum Teil selber produziert hatte.

Robert Finn, seit 2005 Bistumsleiter, und andere Verantwortliche in der Diözese kehrten Hinweise auf das kriminelle Treiben des Priesters fünf Monate lang unter den Teppich – obwohl sie aufgrund einer Welle kostspieliger Missbrauchsprozesse gegen das Bistum sensibilisiert sein mussten. 2008 versuchte Bischof Finn das Thema mit einer zehn Millionen Dollar schweren Einigung mit 47 Klägern aus der Welt zu schaffen.

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Holocaust Polen: FBI-Chef nennt Polen „Komplizen“

US-Botschafter Stephen Mull (rechts) legt Blumen am Denkmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto nieder. Jetzt muss er einmal wieder die Wogen zwischen Warschau und Washington glätten. Foto: dpa
James Comeys Aussage über die Rolle von Polen als „Komplizen“ der Nazi-Mörder verärgert die Regierung in Warschau. Hier sorgen missverständliche oder falsche Aussagen über die Rolle Polens während des Holocaust regelmäßig für Empörung.


Von Jan Opielka|Frankfurter Rundschau

Alles andere als differenziert war der US-amerikanische Chef des FBI, James Comey, mit seiner Aussage zu Ursachen des Holocaust nicht. Am Donnerstag hatte Comey in einem Beitrag für die „Washington Post“ geschrieben, „die Mörder und ihre Komplizen in Deutschland, Polen und Ungarn, und vielen anderen Orten“ hätten wegen ihrer Überzeugung nichts Böses getan. „Sie versicherten sich selbst, dass es die richtige Sache war, die sie tun mussten“, so Comey, der ausgerechnet die Bildung über den Holocaust für FBI-Agenten thematisierte.

In Polen traf diese Aussage auf ein ungeteilt kritisches Echo. Präsident Bronislaw Komorowski sprach von „Ignoranz und dem Mangel an historischem Wissen“. Regierungschefin Ewa Kopacz betonte am Sonntag, das Land sei „nicht Täter, sondern Opfer des Zweiten Weltkrieges“ gewesen. Das Außenministerium in Warschau berief den US-Botschafter in Polen ein und verlangt in einer Protestnote eine Entschuldigung seitens der USA. Tatsächlich stellte US-Botschafter Stephen Mull klar, dass die Worte Comeys nicht die Position der US-Regierung wiedergäben. Das FBI hat bislang nicht auf den Protest geantwortet.

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Gröning-Prozess: Es bleibt eine ewige Schande der deutschen Justiz

Foto: AFP Der ehemalige SS-Mann Oskar Gröning vor dem Gerichtsgebäude in Lüneburg am 21. April 2015
Es macht wenig Sinn, einem 93-Jahre alten Mann den Prozess zu machen. Wie will man die Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen ahnden? Wichtig ist die Erinnerung an das Versagen des Rechtswesens nach 1945.


Von Henryk M. Broder|DIE WELT

Ein 93 Jahre alter ehemaliger SS-Mann steht in Lüneburg vor Gericht. Er wird der Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen angeklagt. Im Falle eines Schuldspruchs droht ihm eine Freiheitsstrafe von mindestens drei Jahren – sollte er für haftfähig erklärt werden. Der Mann ist geständig. Er sagt: „Für mich steht außer Frage, dass ich mich moralisch mitschuldig gemacht habe.“

Die Frage, warum einem, der in Auschwitz Dienst getan und die Wertsachen der Ermordeten eingesammelt hat, erst 70 Jahre nach dem Ende der NS-Zeit der Prozess gemacht wird, wird nicht verhandelt. Man könnte sagen: Manchmal dauert es eben etwas länger, bis der Gerechtigkeit Genüge getan wird, oder: Besser spät als nie.

Der Prozess basiert zum einen auf der Tatsache, dass die Verjährung für Mord im Jahre 1979 aufgehoben wurde, nachdem die Frist vorher zweimal, 1965 und 1969, verlängert worden war. Zum anderen gibt es offenbar in Teilen der deutschen Justiz den Wunsch, dort durchzugreifen und Recht vor Gnade ergehen zu lassen, wo es weitgehend sinnlos ist, zum Beispiel bei Verbrechen, die so lange zurückliegen, dass der oder die Täter eher Mitleid als Entsetzen hervorrufen.

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