Gröning-Prozess: Es bleibt eine ewige Schande der deutschen Justiz


Foto: AFP Der ehemalige SS-Mann Oskar Gröning vor dem Gerichtsgebäude in Lüneburg am 21. April 2015
Es macht wenig Sinn, einem 93-Jahre alten Mann den Prozess zu machen. Wie will man die Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen ahnden? Wichtig ist die Erinnerung an das Versagen des Rechtswesens nach 1945.


Von Henryk M. Broder|DIE WELT

Ein 93 Jahre alter ehemaliger SS-Mann steht in Lüneburg vor Gericht. Er wird der Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen angeklagt. Im Falle eines Schuldspruchs droht ihm eine Freiheitsstrafe von mindestens drei Jahren – sollte er für haftfähig erklärt werden. Der Mann ist geständig. Er sagt: „Für mich steht außer Frage, dass ich mich moralisch mitschuldig gemacht habe.“

Die Frage, warum einem, der in Auschwitz Dienst getan und die Wertsachen der Ermordeten eingesammelt hat, erst 70 Jahre nach dem Ende der NS-Zeit der Prozess gemacht wird, wird nicht verhandelt. Man könnte sagen: Manchmal dauert es eben etwas länger, bis der Gerechtigkeit Genüge getan wird, oder: Besser spät als nie.

Der Prozess basiert zum einen auf der Tatsache, dass die Verjährung für Mord im Jahre 1979 aufgehoben wurde, nachdem die Frist vorher zweimal, 1965 und 1969, verlängert worden war. Zum anderen gibt es offenbar in Teilen der deutschen Justiz den Wunsch, dort durchzugreifen und Recht vor Gnade ergehen zu lassen, wo es weitgehend sinnlos ist, zum Beispiel bei Verbrechen, die so lange zurückliegen, dass der oder die Täter eher Mitleid als Entsetzen hervorrufen.

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1 Comment

  1. Broder hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Umso beschämender für die deutsche Justiz, wie auch Politik, dass gerade er, als jüdischer Mitbürger, unseren notorischen Spätzündern, mit recht vernünftigen Argumenten die Leviten liest.

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