Schluss mit der Betroffenheit!


Bild aus einem Video von UNHCR.
Stilles Gedenken, eine Blume in den Wellen, Trauer-Smileys – die Tragödie im Mittelmeer hat uns aufgewühlt. Was für ein verlogenes Schauspiel.


Von Selma Mahlknecht|TELEPOLIS

Als im November 2014 die italienische Seenotrettungs-Operation „Mare Nostrum“ durch das Programm „Triton“ ersetzt wurde, gab es keinen Zweifel: Es würde Tote geben. Viele Tote.

Entsprechend kritisch fielen die Kommentare von Menschenrechtsorganisationen aus, Zeitungsartikel nahmen Stellung. Umsonst. „Mare Nostrum“ wurde versenkt, praktischerweise in der Wintersaison, die von Natur aus ruhiger ist. Im Alltagslärm der üblichen Sensationen, Katastrophen und Katzenvideos geriet das Flüchtlingsdrama in den Hintergrund.

Und jetzt das: innerhalb einer Woche hunderte Tote.

Das Geschrei ist groß. Wie konnte das geschehen?

Plötzlich haben es alle sehr eilig mit Beteuerungen, Mahnungen, Appelle an Menschenwürde, Menschenrechte, Menschenfreundlichkeit. Plötzlich sind alle dagegen. Also: gegen das Sterben. Und dafür. Dass „endlich was passiert“.

Dabei ist lediglich eingetreten, was vorhergesagt worden war. Wir sind sehenden Auges in dieses Desaster hineingegangen. „Hineingeschlittert“ ist da niemand, es war kein „Unfall“, keine „widrigen Umstände“ waren hier am Werk. Was im Mittelmeer geschehen ist, ist wortwörtlich der europäischen Willkür geschuldet. Wir haben es bewusst und damit letztlich billigend in Kauf genommen. Und mit „wir“ meine ich alle, die nicht vehement gegen diese angekündigte Tragödie eingetreten sind. Ich meine die Höhen der von jeglicher Menschlichkeit losgelösten Politik, ich meine die Niederungen des gemeinen Bürgers. Ich meine Sie und mich. Wir haben es kommen sehen. Jeder, der etwas anderes behauptet, lügt. Wir haben es kommen sehen und wir haben nichts unternommen. Gewiss: Ausschließlich noble und nachvollziehbare Beweggründe haben uns am einzig Richtigen gehindert.

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