Völkermord – eine deutsche Erfindung


20 Schädel von getöteten Herero und Nama, die nach Deutschland gebracht wurden, gab die Berliner Universitätsklinik Charité 2011 zurück an Namibia. In der damaligen deutschen Kolonie wurde 1904 bis 1908 der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts verübt Foto: picture alliance / dpa
Lange hatte die Welt kein angemessenes Wort für die Vernichtung ganzer Nationen und Ethnien. Bis ein polnischer Anwalt, der vor den Nazis geflohen war, 1944 „Völkermord“ ins Englische übersetzte.


Von Matthias Heine|DIE WELT

Der mutmaßlich erste Völkermord an Armeniern fand nicht 1915 statt, sondern 688. Jedenfalls nennt der Historiker Friedrich Leopold zu Stolberg das, was der byzantinische Kaiser Justinian II. den Mardaiten antat, einen „fluchwürdigen Völkermord“. Die Mardaiten waren ein Volk im Nurgebirge, das sich entlang des Mittelmeeres von der Türkei über Syrien bis zum Libanon erstreckt. Viele Forscher glauben, die Mardaiten wären armenischen Ursprungs gewesen. Justinian II. ließ dieses Volk umsiedeln und zu großen Teilen abschlachten. Das Zitat von Stolberg aus seiner „Geschichte der Religion“ von 1832 ist einer der frühesten Belege des Wortes Völkermord in seiner heutigen Bedeutung.

In Berlin wird der Bundestag am Freitag über einen Antrag von CDU/CSU und SPD abstimmen. Darin werden die Vorgänge innerhalb des Osmanischen Reiches, die vor genau 100 Jahren zum Tod von bis zu 1,5 Millionen Armeniern führten, erstmals von einer deutschen Regierung als Völkermord bezeichnet, und die „unrühmliche Rolle des Deutschen Reichs“ wird bedauert. Die Wortwahl ist hier von höchster politischer Bedeutung, denn die Türkei will mit aller Macht verhindern, dass die Verbrechen von vor einem Jahrhundert Völkermord oder Genozid genannt werden.

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