„Ihr werdet von einer Immigrationswelle aus Afrika überschwemmt werden“


Muaamar al-Gaddafi. Bild: Iulianhisom/CC-BY-SA-3.0
„Ihr sollt mich recht verstehen. Wenn ihr mich bedrängt und destabilisieren wollt, werdet ihr Verwirrung stiften, Bin Laden in die Hände spielen und bewaffnete Rebellenhaufen begünstigen. Folgendes wird sich ereignen. Ihr werdet von einer Immigrationswelle aus Afrika überschwemmt werden, die von Libyen aus nach Europa überschwappt. Es wird niemand mehr da sein, um sie aufzuhalten.“


Von Ramon Schack|TELEPOLIS

Diese Worte äußerte der libysche Diktator Muaamar al-Gaddafi, in einem Interview mit dem französischen Journal du Dimanche im Februar 2011. Als er diese Worte tätigte, konnte Gaddafi nicht ahnen, dass Osama bin Laden am 2. Mai 2011 von einer amerikanischen Sondereinheit auf pakistanischem Boden erschossen würde. Noch weniger war er sich wohl bewusst, dass er selbst im Oktober des gleichen Jahres als Flüchtling im eigenen Land ein grausames Ende finden würde.

Die Zitierung dieser Interview-Passage soll nicht dazu dienen, diesen nordafrikanischen Gewaltherrscher nachträglich zu legitimieren oder gar einen Heiligenschein aufzusetzen. Im Gegenteil. Gaddafi ist im Westen schon immer weit überschätzt worden. Er war nie ein großer arabischer Volksheld, als der er gern gegolten hätte. Ein paar einfältige Sensationsreporter konnte er mit seinen theatralischen Beduinenauftritten beeindrucken.

In den übrigen Staaten der arabisch-islamischen Welt wurde dieser unberechenbare Paranoiker als „Mahbul“, als Verrückter, bezeichnet. Gaddafi mag für seine Untertanen ein weniger blutrünstiger veranlagter Despot gewesen sein, als Saddam Hussein im Irak es war. Aber harmlos war dieser Autokrat nicht. Im Gegensatz zu Saddam Hussein, der die eigene Bevölkerung drangsalierte und zahllose Morde im Inland befahl, sich aber kaum als internationaler Terrorist betätigt hatte, unterstützte Gaddafi hingegen Verschwörer, Attentäter, Aufständische und Bombenleger weltweit -von Nordirland bis zu den südlichen Philippinen.

Im Westen wurde Libyen endgültig zum Schurkenstaat, als im Dezember 1988 über dem schottischen Städtchen Lockerbie eine PanAm-Maschine explodierte, wobei 270 Menschen den Tod fanden. Ein Jahr später ereilte eine französische Linienmaschine über dem Niger das gleiche Schicksal. In beiden Fällen richtete sich der Verdacht gegen den libyschen Geheimdienst als Urheber der Anschläge. Durch die Zahlung von hohen Entschädigungssummen hatte sich der Diktator von Tripolis damals noch freikaufen können.

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