Die Funktion der Armut


Die grundlegende Operation des Wirtschaftssystems, nämlich Zahlungen, evoziert eine eigentümliche perspektivische Verzerrung. Gesehen wird vorderhand, wohin das Geld fließt, in den Blick gerät, dass Zahlungen Zahlungsfähigkeit ermöglichen. Die Welt scheint in Ordnung, solange Geld zirkuliert (Umlaufimpuls-Vollgeld). Die Tatsache, dass jede Zahlung im genau gleichen Masse Zahlungsunfähigkeit verursacht, wie sie Zahlungsfähigkeit ermöglicht – zu zahlender und bezahlter Betrag addieren sich stets auf Null -, ist weniger offenkundig. Gerade in Deutschland unterliegt ein Korollar dieses Sachverhalts, die Nullsumme von Exporten und Importen, dem gleichen Zerrbild. Deutschlands Exportorientierung kann deshalb kein Allheilmittel zur Krisenbekämpfung sein. Auch wenn sich der Export(vize)weltmeister in Besitz eines Hammers sieht, stellen sich nicht alle Probleme als Nägel dar.


Von Jörg Räwel|TELEPOLIS

Auf sich selbst bezogen stellen Zahlungen also lediglich de-motivierende Nullsummenspiele dar. Zur Zirkulation von Zahlungen kann es erst durch Selbstreferenzunterbrechung kommen, indem Produktions- und Konsumtionskreislauf, durch den Faktor der Profitabilität aufeinander bezogen, erfolgreich auseinander gezogen werden. Angesichts der perspektivischen Verzerrung, der Zahlungen unterliegen, ist dennoch notwendig, die Binsenweisheit hervorzuheben (Paradoxie der Wirtschaft), dass nicht nur der Zahlungsfähigkeit ermöglichende Produktionskreislauf wirtschaftlich motiviert ist, sondern auch der komplementäre, üblicherweise marginalisierte Zahlungsunfähigkeit reproduzierende Konsumtionskreislauf aus Steuern und Löhnen:

Rentabilität bzw. Profitabilität wird […] als derjenige Faktor ausgezeichnet, der ein Kalkül als wirtschaftlich markiert; und die Ausgabendispositionen des Staates und der Kommunen ebenso wie der Konsum in Privathaushalten wird als nicht wirtschaftlich motiviert angesehen. Sie kommen deshalb nur in der Form von Kosten wirtschaftlich in Betracht. […] Dem offiziellen Kreislauf [sich reproduzierender Zahlungsfähigkeit, J.R.] wird, in der Theorie der Wirtschaft […], der Primat zugesprochen. Man blickt in die Richtung, in der […] das Geld fließt.(Niklas Luhmann[1])

Im Zuge der Globalisierung kam es zu einer effektiven Marginalisierung des Konsumtionskreislaufs. Im internationalen Lohn- und Steuerwettbewerb konnten „Ausgabendispositionen des Staates und der Kommunen ebenso wie der Konsum in Privathaushalten“ erfolgreich als „Kosten“ minimiert werden und sich gerade in Deutschland zunehmend Dumpingsteuern und -löhne etablieren. Aktuell nur notdürftig substituiert durch exorbitante und dennoch zunehmende private wie öffentliche Verschuldung.

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