Phyletisches Museum – Petersdom der Evolution


Ernst Haeckel, Bild:Phyletisches Museum. barb.:bb
Ernst Haeckel, Bild:Phyletisches Museum. bearb.:bb
Im Foyer des Phyletischen Museums zu Jena begrüßt ein wuchtiges Männchen, dem man ob seines muskulösen Körperbaus und starker Behaarung in freier Wildbahn nicht begegnen möchte, hinter Glas.


Von Wolfgang Hirsch|Thüringische Landeszeitung

„Ja, aber!“ ruft Professor Martin Fischer – und zwar von der anderen Seite, „das ist kein gewöhnlicher Gorilla. Lesen Sie doch mal das Schild!“ Tatsächlich klärt sich prompt auf, dass Ernst Haeckels Tochter das stolze Tierpräparat anno 1909 in Hamburg erworben und dem Vater zum 75. Geburtstag geschenkt hat. Da wissen Kundige sofort, wo sie sind: in einem einzigartigen Museum, das die Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten veranschaulicht, und zugleich an wissenschaftshistorischer Stätte.

Denn Ernst Haeckel (1834-1919) persönlich, die Nummer Zwei in seiner damals sehr jungen und heftig umstrittenen Disziplin nach Charles Darwin, hat das Haus den Jenaern gestiftet, um seine sensationelle Abstammungslehre in allgemeiner Anschaulichkeit zu etablieren. Fischer indes, Lehrstuhlinhaber für Spezielle Zoologie an der Universität Jena und zugleich Museumsdirektor, geht noch einen Schritt zurück: Er bittet wieder hinaus vor die Tür des schmucken Jugendstilbaus und deutet auf die Fußabdrücke im Zementbett eines flachen Brunnens: „Abgüsse aus Tansania“, liest er eine der Spuren. „etwa 3,5 Millionen Jahre alt.“ Die haben uns Ahnen namens Australopithecus hinterlassen, die lange vor jenem Homo sapiens auftraten, der sich mit seinem Kind gleich daneben verewigt hat.

Wie ungeheuerlich solche – durch Grabungsfunde und Gen-Analysen inzwischen längst bestätigten – Theorien zu Zeiten Darwins und Haeckels waren, weil sie eine wörtliche Auslegung der Schöpfungsgeschichte in der Bibel un­terlaufen, ahnen wir heute noch, wenn wir etwa mit evangelikalen Fundamentalisten darüber debattieren. Ernst Haeckel indes hielt sich selbst für eine Reinkarnation Goethes und verstieg sich derart in esoterische Weltanschauungen, dass er sich 1906 in Rom vom Monistenbund zum Gegenpapst krönen ließ. Das Jenaer Museum wäre somit gleichsam sein Pe­tersdom gewesen, erzählt Martin Fischer mit Schmunzeln.

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