Rechtsextremismus und Kirche: „Ein internes Problem, nicht nur gesellschaftliches“


Rund 120 Neonazis laufen in Wittstock (Brandenburg) mit Bannern und Fahnen. Im Hintergrund ist eine Kirche zu sehen. (picture alliance / dpa / Nestor Bachmann)
Mehr durch Zufall kam die katholische Theologin Sonja Angelika Strube auf den Umgang der Theologie mit Rechtsextremismus. Sie ist auf erschreckende Verbindungen gestoßen, aber auch auf auf ein gestärktes Bewusstsein für die Brisanz.


Sonja Angelika Strube im Gespräch mit Kirsten Dietrich|Deuschlandradio Kultur

Kirsten Dietrich: Kirchenvertreter stehen bei Protesten gegen Rechts und für Flüchtlinge fast immer in den vorderen Reihen. Vielleicht deshalb betrachten sich die Kirchen als eher immun gegen rechte Ideologie. Dass das ein gefährlicher Kurzschluss sein kann, darauf weist ein Sammelband hin, der jetzt beim Herder-Verlag erschienen ist. „Rechtsextremismus als Herausforderung für die Theologie“ heißt er und er betrachtet zum Beispiel ideologieanfällige theologische Denkmuster oder auch ganz konkrete Internetseiten. Auf denen dann zum Beispiel die gleichen Autoren für Publikationen der extrem Rechten und für Christliches stehen. Die katholische Theologin Sonja Angelika Strube ist mehr durch Zufall auf diese Verbindungen gestoßen und widmet sich nun mit großem Engagement diesem Thema in der Forschungsgruppe Frieden, Religion, Bildung am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. Ich habe mit Sonja Angelika Strube gesprochen und wollte von ihr wissen, worin denn genau die Herausforderung des Rechtsextremismus für die Theologie besteht?

Sonja Angelika Strube: In einen Vielfachen! Also, zunächst einmal ist Rechtsextremismus aus meiner Sicht ein Thema, was in der Theologie noch viel zu wenig wahrgenommen worden ist, was irgendwie bisher nicht so sehr als zum eigenen Bereich gehörend angesehen wurde. Und das, obwohl ja Kern rechtsextremer Ideologien Ideologien der Ungleichwertigkeit sind und eigentlich christlicher Glaube zu solchen Ideologien widerständig, ablehnend Stellung beziehen müsste. Das heißt, es gibt von daher schon eine Aufgabe, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, und dann gibt es eben auch noch diese zweite Entdeckung, die ich machen musste, dass es eben auch innerhalb von Gruppen, die sich dezidiert christlich verstehen, Strömungen gibt – also, es sind sicherlich aufs Ganze gesehen, kleine Gruppierungen, aber es gibt sie –, die sehr wohl mit rechtem, rechtsintellektuellem, rechtsextremem Gedankengut auch sympathisieren und das im Grunde mit ihrem Glauben verquicken und in kirchlichen Kreisen verbreiten wollen. Und deshalb ist es auch ein internes Problem, nicht nur ein gesellschaftliches, mit dem man sich kritisch auseinandersetzen muss aus Sicht der Theologie.

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