Slavoj Žižek: Hegelianischer als Hegel


Laut Slavoj Žižek die "Mutter aller Viererbanden": Kant, Fichte, Schelling und Hegel. Bild: PD
Laut Slavoj Žižek die „Mutter aller Viererbanden“: Kant, Fichte, Schelling und Hegel. Bild: PD
Der slowenische Philosoph, der kommende Woche am Wiener Burgtheater die Sigmund-Freud-Vorlesung hält, im Gespräch über sein neues Hegel-Buch und den globalen Kapitalismus


Interview | Ruth Renée Reif|derStandard.at

Standard: „Hegel im Schatten des dialektischen Materialismus“ lautet der Untertitel Ihres neuen Buches. Sie unternehmen darin nicht nur den Versuch, Hegel aus diesem Schatten herauszuholen, sondern bekennen sich auch sehr entschieden zu ihm. Warum ausgerechnet zu Hegel?

Žižek: Ich plädiere sogar dafür, von Marx zu Hegel zurückzukehren. Unsere heutige Situation entspricht viel mehr der von Hegel als der von Marx. Denn Marx lebte in einer vorrevolutionären Zeit. Er erkannte die Widersprüche in der bestehenden Gesellschaft, und er sah in der kommunistischen Revolution eine Möglichkeit, diese zu lösen. Hegels Situation war dagegen eine nachrevolutionäre. Die Französische Revolution hatte stattgefunden. Und Hegel sah die zerstörerische Dimension des revolutionären Terrors.

Dennoch wollte er am emanzipatorischen Erbe festhalten. Ist das nicht unsere heutige Situation? Wir haben die alte kapitalistische Gesellschaft, die zunehmend selbstzerstörerisch wirkt. Und wir hatten im 20. Jahrhundert kommunistische Versuche, die schrecklich fehlschlugen und sich in Albtraum und Terror verwandelten. Damit ist unser Problem dasselbe wie das von Hegel: Wie können wir das Erbe des Kommunismus und der radikalen Emanzipation retten, ohne erneut in einen Terror zu geraten?

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