Die Denkschmiede Orient


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Das Halbwissen über den Islam und islamische Philosophie, mit dem so mancher Autor zu glänzen meint, beweist, in welchem Maße der Okzident die Errungenschaften des Orients zu ignorieren versucht.


Von Muhammad Sameer Murtaza|The European

Heiko Heinischs Replik ist bemüht, das Solidaritätsgefühl innerhalb der nichtmuslimischen Bevölkerung Europas zu stärken, indem die Minderwertigkeit des Islam (und damit auch der Muslime) mit der These festgeschrieben wird, der Islam und die bereits seit mehr als 1000 Jahren andauernde Anwesenheit der Muslime in Europa habe überhaupt keine Rolle auf dessen Entwicklung gehabt.

Die Proklamierung einer historischen Sonderrolle Europas ist nicht neu. Sie ist tief in der europäischen Psychologie verwurzelt. Bereits die Griechen unterschieden zwischen der Zivilisation (sie selber) und der Barbarei. Zunächst war Barbarei ein Abgrenzungsbegriff und bezeichnete anderssprachige Völker und Kulturen. Er entwickelte sich jedoch im pejorativen Sinne weiter zu einem Weltempfinden und dann zu einer politischen Weltordnung. Barbarei war nun synonym mit dem Wort unzivilisiert. Der attische Redner Isokrates zog hieraus die moralische Legitimation, dass es das natürliche Recht der Griechen sei, Asien zu beherrschen und zu besiedeln. Ein Vorhaben, das schließlich durch Alexander dem Großen durchgeführt wurde. Griechische Hybris, schließlich verdrängten die Griechen ihren eigenen Mythos, demzufolge Agenor, der Vater Europas, aus Palästina stammte.

„Wir dürfen nicht zögern, die Wahrheit anzuerkennen“

Auch Heinisch kann sich dieser Höherwertigkeit-Minderwertigkeits-Vorstellungen nicht entziehen. Er strauchelt jedoch an der Frage, wie er die aufgezählten Einflüsse der muslimischen Welt auf Europa abtun soll. Der Autor verwendet hierbei drei Strategien: a) er unterschlägt den Einfluss muslimischer Religionsgelehrter und Philosophen, sowie muslimischer Institutionen auf das Abendland, die in meinem ursprünglichen Artikel erwähnt wurden, b) ahistorisch beschränkt er den Einfluss der Muslime auf Europa mit dem überholten Argument, diese seien lediglich für den Transfer griechischer Schriften verantwortlich gewesen und selbst dieser Vermittlungsweg sei nicht nur einer von dreien gewesen, sondern zudem noch der unbedeutendste, und c) greift er das Argument auf, das Aufblühen der muslimischen Welt sei nicht dem Islam geschuldet, sondern geschah trotz des Islam.

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