Winkler warnt vor einem „Beiseitestehen Deutschlands“


Richard v.Weizsäcker
Richard v.Weizsäcker
Der Historiker Heinrich August Winkler mahnt im Bundestag zur Verantwortung: Die historischen Erfahrungen begründen kein „deutsches Recht auf Wegsehen“, wenn es um den Schutz bedrohter Menschen geht.


Von Daniel Friedrich Sturm|DIE WELT

Es war mehr als routiniertes Gedenken, mehr als eine Geschichtsstunde, als Heinrich August Winkler am Freitagvormittag an das Rednerpult im Parlament trat. Bundestag und Bundesrat hatten den Berliner Historiker geladen, um zum 70. Jahrestag des Kriegsendes zu sprechen. Doch Winkler beschränkte sich nicht auf den 8. Mai, er zog vielmehr einen Bogen von Kaiserreich und antidemokratischen Traditionen in der Weimarer Republik – bis in die Gegenwart.

Hier sprach kein Mann, der Daten, Zahlen, Namen und Ereignisse herunterrattert. Es sprach ein politisch denkender Historiker, der klug verknüpfte, Zusammenhänge darstellte und sich zur heutigen internationalen Verantwortung Deutschlands positionierte, was ihm nicht den Beifall des gesamten Hohen Hauses einbrachte.

Als die Herrschaft der Nationalsozialisten am 8. Mai 1945 endete, „war ungewiss, ob die Deutschen jemals wieder in einem einheitlichen Staat zusammenleben würden“, sagte Winkler im Plenarsaal jenes Reichstagsgebäudes, das einst – zu Unrecht – als Symbol dieses menschenverachtendes Regimes galt. Vor knapp 25 Jahren, in der Nacht zum 3. Oktober 1990, war hier die Vereinigung Deutschlands begangen worden.

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Rede von Heinrich August Winkler zum 70. Jahrestag Ende des Zweiten Weltkrieges 8. Mai 2015