Ex-Knesset-Präsident Burg: Offene Kritik an Israel gefordert


Avraham Burg, früherer iraelischer Parlamentspräsident. (dpa / picture-alliance / Jim Hollander)
Der frühere israelische Parlamentspräsident Avraham Burg hat Europa und Deutschland zu offener Kritik an der israelischen Siedlungspolitik aufgefordert. Solange sich Deutschland fürchte, seine Meinung öffentlich zu äußern, werde sich nichts ändern, sagte Burg im DLF. Die israelische Führung fördere das Trauma der Schoah.


Avraham Burg im Gespräch mit Sebastian Engelbrecht|Deutschlandfunk

Sebastian Engelbrecht: Am kommenden Dienstag, am 12. Mai feiern die Regierungen Deutschlands und Israels ein großes Jubiläum, den Beginn ihrer diplomatischen Beziehungen vor genau 50 Jahren. Staatspräsident Rivlin wird in Berlin zu einem Festakt erwartet. Wenige Tage vor diesem Jubiläum befinde ich mich jetzt mit Avraham Burg im Kibbuz Yakum nördlich von Tel Aviv. Avraham Burg war von 1999 bis 2003 Vorsitzender der Knesset, er gehörte der Arbeitspartei an. Im Jahr 2004 zog er sich aus der Politik zurück und ist seither Autor, Schriftsteller und ein international gefragter Redner. Anfang dieses Jahres hat er sich der kommunistischen Partei in Israel, Chadasch, angeschlossen. Avraham Burgs Vater Yosef Burg stammte aus Deutschland und war lange Jahre Minister und einer der bedeutendsten Politiker des Landes. Herr Burg, die deutsch-israelischen Beziehungen sind äußerst intensiv. Was ist der Motor dieser Beziehungen – Pragmatismus oder Anziehung?

Avraham Burg: Ich denke, der Pragmatismus ist nur eine praktische Sache, wenn man das so sagen kann. Ich denke, es gibt einen sehr komplexen Motor, einen Motor mit mehreren Zylindern. Der zentrale Zylinder sind die Schuldgefühle, sehr, sehr schwere Schuldgefühle auf der deutschen Seite und Gefühle der Israelis, die mit der deutschen Schuld korrespondieren. Und es gibt da noch einen weiteren Aspekt: Es sind zwei posttraumatische Gesellschaften, jede aus unterschiedlichen Gründen. Es handelt sich um die beiden posttraumatischsten Gesellschaften des Westens heute. Die eine reflektiert das Post-Trauma der anderen. Israel ist der Spiegel Deutschlands, und Deutschland ist der Spiegel Israels. Und ich denke, unterhalb davon, in der Tiefe, gibt es eine gewaltige Neugier, die im deutschen Judentum und in Deutschland im 19. Jahrhundert begann, über die gesamte Phase der Weimarer Republik andauerte und natürlich mit dem Aufstieg der Nazis zur Macht endete. Diese Faszination zwischen Juden und Deutschen, zwischen Deutschen und Juden gab es vor der Schoah, und sie bleibt auch heute, mit einem Rollentausch. Aber es gibt eine enorme Faszination im Verhältnis der beiden.

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