Tochter von Auschwitz-Kommandant: Der Schatten ihres Vaters


Rudolf Höß (Mitte) lebte als Kommandant ab 1940 mit seiner Familie direkt neben dem KZ Auschwitz. Bild: stern.de
Mit 81 Jahren spricht die Tochter des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß das erste Mal über eine Kindheit, den Fluch des Familiennamens und ihre Liebe zum Vater, dem Massenmörder.


Von Malte Herwig|stern.de

Eine Kindheitserinnerung, ein Dreivierteljahrhundert ist das her: das türkisfarbene Wasser der Sola, eines Nebenflusses der Weichsel. Am Ufer spielt das Mädchen mit den Geschwistern und beobachtet die Frösche. Der Fluss liegt nur wenige Meter vom Elternhaus entfernt. Am Wochenende, wenn Vati frei hat, darf die Zehnjährige mit ihm am Wasser entlangreiten bis in die Stadt.

Plötzlich stockt die Erinnerung. Das Bild kippt, sobald der Name der Stadt auftaucht. Wie ein Verbotsschild steht er vor der Kindheit: Auschwitz.

Dann färbt sich das Wasser der Sola schwarz von der Asche der Ermordeten, die Vatis Untergebene in den Fluss schaufelten, und Ingebrigitt Höß (Anm.: Die Redaktion verwendet die Geburtsnamen der fünf Kinder von Rudolf Höß), die Tochter des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß, bekommt wieder Kopfschmerzen.

In Arlington weiß niemand, wo sie herkommt

Es ist ein kühler Frühjahrstag in Arlington, im US-Bundesstaat Virginia. Die alte Dame trägt ein schwarzes Kleid, goldene Ohrringe und einen Schal mit Leopardenmuster. Sie ist 81 Jahre alt und lebt seit einem halben Jahrhundert in dem Haus mit Garten und Swimmingpool. Früher, als sie noch zu den Partys in der Nachbarschaft ging, traf sie dort Bill Clinton und Al Gore, der ein paar Häuser weiter wohnte. Es ist eine gute Gegend, weit von Deutschland und erst recht weit von Auschwitz entfernt. Hier weiß niemand, aus welcher Familie sie kommt.

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