Avi Primor zu Deutschland und Israel: „Verständnis für Israel schwindet“


Bild:  phhesse/flickr
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Der ehemalige Botschafter ermuntert die Deutschen, einen ehrlichen Dialog mit Israel zu führen. Dazu gehöre auch Kritik.


Von Susanne Knaul|taz.de

taz: Herr Primor, Sie waren gerade 30 Jahre alt, als Israel und die Bundesrepublik diplomatische Beziehungen aufnahmen. Was haben Sie damals gedacht?

Avi Primor: Ich erinnere mich zunächst an 1952, als die Regierung von David Ben-Gurion darüber entschied, mit Deutschland über Wiedergutmachungszahlungen zu verhandeln. Ich zählte zu denen, die sehr dagegen waren. Das war typisch für meine Generation. 1965 sah ich schon ein, dass es ein israelisches Interesse war, Beziehungen zu Deutschland aufzunehmen. Ich persönlich wollte allerdings nichts damit zu tun haben.

Wie kam es zu Ihrem veränderten Verhältnis zu Deutschland?

Das war ein schrittweiser Prozess. Sehen Sie, das Wiedergutmachungsabkommen ging anfangs nicht um Geld, sondern um die Lieferung von Industriegütern. Niemand wollte mit Israel kooperieren. Es gab den arabischen Boykott, und Ben-Gurion behauptete, es sei die deutsche moralische Pflicht, denen, die mit tiefen Narben den Holocaust überlebt haben, ein neues Leben zu ermöglichen. Er wollte Investitionen in Form von Maschinen, Frachtschiffen und Lokomotiven. Bundeskanzler Konrad Adenauer passte das gut. Es war ihm lieber, als Bargeld zu überweisen. Nun brauchte man Leute, die bereit waren, nach Deutschland zu gehen, Fachkräfte, die sich erklären lassen, wie die Maschinen zu handhaben sind. Im Laufe der 50er Jahre entwickelten sich dadurch zwischenmenschliche Beziehungen, die für mich bis heute die Stützpfeiler der Beziehungen sind, denn sie sind viel tiefgreifender als die Beziehungen zwischen Behörden.

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