Was darf Satire eigentlich so alles?


Dem würde wahrscheinlich sogar die deutsche Bundeskanzlerin als Ex-DDR-Mädchen zustimmen. Denn in der DDR schätzte man den „Tucho“ — Kurt Tucholsky — mehr noch als im Westen


Von Tom Appleton|TELEPOLIS

Und das war seine berühmte Antwort gewesen auf die Frage: „Was darf die Satire?“ — „Alles“. Aber klar, hätte Tucho bis in die DDR überlebt, wäre sein Selbstmord weniger zweifelhaft ausgefallen. Oder man hätte die „reaktionäre Sau“ bald in den Westen abgeschoben und seine Schriften — naja, sie wurden ja eh bei Rowohlt verlegt. Nur in der DDR hätte man sie dann nicht mehr lesen dürfen.

Also „alles“ durfte die Satire, wie Tucho gemeint hatte, aber die Kulturverwalter meinten das sicher mit dem Zusatz „alles — mit Maßen“ — oder „mit historischer Perspektive“. Soll heißen, Kritik an Weimar und Hitler-Berlin, ja. Aber dann nicht mehr an Ulbricht-Berlin.

Da waren schon die Brechtschen Suffisantismen zum Volksaufstand vom 17. Juni 1953 — „Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?“— ein bisschen „gewagt“.

Im Sozialismus Marke DDR gab es Satire jeweils nur mit dem ausgelassenen Text. Bekanntes Beispiel der Nina Hagen-Song. „Micha, mein Micha“, singt sie. Dann singt sie NICHT: „Du Blödmann! Du hast in der Drogerie die Kondome gekauft, aber“ — und dann singt sie wieder: „Du hast den Farbfilm vergessen“ — und singt wieder nicht: „Und ohne den können wir der lieben Verwandtschaft nicht verklickern, dass unser Urlaub am Baggersee ganz moralisch und züchtig verlief.“

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