Armin Nassehi:Was ist „links“ und was ist „rechts“?


Der deutsche Soziologe Armin Nassehi. (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)
Seit der Französischen Revolution wird das politische und soziale Leben in den Kategorien von „rechts“ und „links“ sortiert. Das ist zu unterkomplex, meint der Soziologe Armin Nassehi in seinem Werk „Die letzte Stunde der Wahrheit“. Um die immer unübersichtlichere Gegenwart zu ordnen und zu verändern, brauche es eine kollektiv gesellschaftliche Empathie.


Von Felix Klopotek|Deutschlandfunk

Wissen Sie, was rechts ist? Oder links? Was für Fragen! Sofort fallen einem die Gewissheiten ein, die man diesen politischen Schlagworten zuordnet. Links – das ist pazifistisch, hedonistisch, wachstumskritisch, radikaldemokratisch. Und rechts? Das muss ja dann das Gegenteil sein.

Aber wer genauer hinschaut, dem zerbröseln die Gewissheiten: Es gibt linke Bellizisten, linke Asketen und Moralisten, Linke, die wirtschaftliches Wachstum als unabdingbar für die gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums ansehen, und es gibt auch Linke, die überhaupt keine Demokraten sind, sondern Anhänger einer Diktatur – in dem Fall einer der Ausgebeuteten und Subalternen über ihre früheren Ausbeuter.

Das Spiel, Gewissheiten zu zersetzen, funktioniert auch bei rechten Positionen. Es dürfte schwer sein, ja eigentlich unmöglich, „rechts“ und „links“ autonom aus sich heraus zu bestimmen. Was ein Linker ist, wissen wir, wenn ein Rechter auftaucht. Und umgekehrt. Die Unterscheidungen, die die Begriffe rechts und links intendieren, sind nur als relative, aufeinander bezogene, kontextabhängige denkbar. Und diese Unterscheidungen, das ist die These, die der Münchner Soziologieprofessor Armin Nassehi in seinem Buch „Die letzte Stunde der Wahrheit“ vertritt, verlieren zunehmend ihre Orientierungskraft. Weil die gesellschaftlichen Kontexte zu komplex für diese Unterscheidung geworden sind. Oder in seinen Worten:

„Dass etwas rechts oder links sei, konservativ oder progressiv, enthält immer weniger Informationswerte. (…) Es hängt damit zusammen, dass die gewohnten Beschreibungschiffren, mit denen sich unsere Gesellschaft öffentlich selbst beschreibt, offenbar nicht mehr das treffen, worum es geht (…).“

Natürlich verschwinden linke und rechte Gesellschaftsbeschreibungen nicht einfach, denn:

„Das ganze Arsenal moderner Komplexitäten verlangt nach Erzählbarkeiten, nach Vereinfachungen, nach Komplexitätsreduktionen.“

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