Kurt Gödel: „Die Philosophie ist heute bestenfalls dort, wo die Mathematik zur Zeit der Babylonier war“


Die Philosophen Herbert Feigl und Moritz Schlick (r.) in Bademänteln am Ufer des Millstätter Sees.© Institut Wiener Kreis
Er existierte nur von 1924 bis 1936 – der „Wiener Kreis“, dem nun erstmals eine Ausstellung zuteil wird. Doch diese zwölf Jahre hatten „so viel geistesgeschichtliche Dramatik in sich, dass es Tolstoi oder Shakespeare gebraucht hätte, um das entsprechend darzustellen“, sagt der Mathematiker Karl Sigmund, der die Schau an der Universität Wien mit dem Zeithistoriker Friedrich Stadler kuratiert hat.


Von Heiner Boberski|Wiener Zeitung

Deren Untertitel, „Exaktes Denken am Rand des Untergangs“, weist bereits darauf hin, wie schwer es diese Vertreter der Vernunft und Logik damals hatten, ehe ihr Zirkel tragisch endete.

In einem Pressegespräch zur Ausstellung, die bis 31. Oktober läuft, nannte Heinz Engl, Rektor der Universität Wien, die in Amerika als „Vienna Cercle“ wohlbekannte Gruppe nach heutigem Sprachgebrauch eine „Forschungsplattform“, in der im besten Sinn interdisziplinär gearbeitet wurde: Hier hätten Mathematiker und Philosophen, Physiker und Sozialwissenschafter miteinander reden und Ideen entwickeln können, die bis heute Gültigkeit haben.

Wittgenstein und Gödel

Im Eingangsraum sind die führenden Köpfe der Gruppe abgebildet: Philipp Frank, Otto Neurath, Rudolf Carnap, Herbert Feigl, Moritz Schlick, Friedrich Waismann, Kurt Gödel, Hans Hahn, Karl Menger. 1924 initiierte der Philosoph Moritz Schlick mit dem Mathematiker Hans Hahn und dem Sozialreformer Otto Neurath den „Wiener Kreis des Logischen Empirismus“, der sich jeden zweiten Donnerstag im Seminarraum für Mathematik in der Boltzmanngasse 5 traf, gefolgt von „Nachsitzungen“ im nahen Café Josefinum. Als geistige Vorläufer des Zirkels stellt die Schau den Physiker und Philosophen Ernst Mach (1838-1916) und den Physiker Ludwig Boltzmann (1844-1906) vor. Kontakt zum „Wiener Kreis“ hatten auch die Mathematikerinnen Olga Hahn-Neurath und Olga Taussky sowie Philosophen wie Bertrand Russell, Ludwig Wittgenstein oder Karl Popper. Unter den in der Schau gezeigten Autographen fällt die handschriftliche Einfügung Wittgensteins in eines der drei originalen Typoskripte seines „Tractatus“ auf: „und es ist nicht verwunderlich, dass die tiefsten Probleme eigentlich keine Probleme sind“.

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