Wie die Philosophie „weißgewaschen“ wurde


Scan aus dem Buch „My bondage and my freedom“ des Schrifstellers und Abolitionisten Frederick Douglass
Vor 200 Jahren wurde am Wiener Kongress der Sklavenhandel abgeschafft. Das lag weniger an der Philosophie der Aufklärung und mehr an politisch-ökonomischem Kalkül. Denn die „großen, weißen Aufklärer“ kümmerten sich wenig um die schwarze Sklaverei. Das hat Folgen bis heute: Der Kanon der Philosophie wurde „weißgewaschen“.


Von Aaron Salzer|science.ORF.at

Dies meint der Philosoph Nathaniel Adam Tobias Coleman vom University College London im Gespräch mit science.ORF.at. Bei Coleman berühren sich wissenschaftliches Interesse und biografischer Hintergrund. Er streicht seinen Namen durch, weil sich dahinter die Geschichte der Sklaverei verbirgt. In dem Namen sei die historische Hoffnung weißer Sklavenhalter eingeschrieben, ihren Sklavenbestand beständig zu erweitern.

„Weiße Menschen haben quasi Sklaven gezüchtet. Sie haben den Nachwuchs ihrer afrikanischen Sklavinnen Namen gegeben. Also eine Art Emblem, um ihren Besitzanspruch geltend zu machen. Heute besitzt diesen Nachwuchs zwar niemand mehr. Aber die Hoffnung auf den Besitzanspruch lebt in den Namen weiter.“

„Afrikaner sind Philosophen“

Im Rahmen des Wiener Kongresses wurden 1814/15 die Herrschaftsverhältnisse und Grenzen Europas neu geordnet. Dabei wurde auch der Handel mit Sklaven weltweit verboten. Umgesetzt wurde das allerdings erst schleppend in den Jahrzehnten danach: 1888 beendete Brasilien als letztes den Sklavenhandel.

Großbritannien war jenes Land, welches am Wiener Kongress von den anderen Teilnehmern forderte, den Sklavenhandel abzuschaffen – so wie es das Empire bereits 1807 getan hatte. Nach dem Beschluss hätten sich die Großmächte selbst auf die Schulter geklopft und dies als plötzliche Einsicht in die Prinzipien von Humanität und universeller Moral beschrieben, sagt Coleman. Dabei stellten sie sich nicht mehr als Sklavenhalter dar, sondern als Emanzipatoren.

Das und anderes entlarvt sich bei genauerer Betrachtung als „Weißwaschung“ der Geschichte: Neben der beschönigenden emanzipatorischen Darstellung gebe es auch die Vorstellung, dass „große weiße Männer“ einmal Argumente lieferten, um die Sklaverei zu rechtfertigen und dann ihre Meinung änderten und aufforderten, Afrikanern zu helfen und zu sagen: Sklaverei sei verkehrt.

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