Wir brauchen neutrale Stellen, an die sich Bevölkerung und Polizisten wenden können


Prof. Rafael Behr, Dekan des Fachhochschulbereichs der Akademie der Polizei Hamburg © Polizei Hamburg
Ein Polizist misshandelt Flüchtlinge. Polizeikollegen wissen davon, aber keiner traut sich etwas zu sagen. Ein Ehrenkodex kann die Ursache sein, aber nicht nur das, erklärt Kriminologie-Professor und Polizeiausbilder Rafael Behr im Gespräch mit dem MiGAZIN.


Von Ananda Rani Bräunig|MiGAZIN

MiGAZIN: Wie kann es überhaupt dazu kommen, dass ein Polizist seine Macht missbraucht und einen Flüchtling derart demütigt?

Prof. Rafael Behr: Es müssen verschiedene Faktoren zusammen kommen. Zum einen die Situation, in der ein starkes Machtgefälle zwischen Polizei und Klient besteht. Zum anderen der Umstand, dass die Polizei oft an der Grenze zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit arbeitet. Die Polizeiforschung macht immer wieder die Erfahrung, dass in bestimmten Situationen und unter bestimmten Umständen die Diskriminierungs-Wahrscheinlichkeit höher ist als sonst. Zum Beispiel, wenn junge Männer, die in der Organisation nicht allzu weit nach oben gekommen sind, einen einsilbigen Arbeitsalltag haben, zum Beispiel Asylbewerber kontrollieren müssen oder illegal Einreisende kontrollieren. Dann ergibt sich ein Handlungsfeld, in dem es wahrscheinlicher ist, dass einer der Polizisten seine Macht missbrauchen kann. Wenn hinzu kommt, dass es innerhalb der Gruppe einen Ehrenkodex gibt, dass also nichts, was in der Gruppe geschieht, nach außen dringen darf, dann hindert das andere daran, Zivilcourage zu zeigen. Das ist eine gefährliche Mischung. Wenn in der Gruppe eine Atmosphäre der Hörigkeit entsteht, und auch eine starke Dominanz von aggressiver Männlichkeit, dann haben wir ein Problem.

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