Absage der phil.Cologne an Peter Singer: Auf dem wissenschaftlichen Irrweg


Dürfen behinderte Kinder getötet werden? Sollte es ein Recht auf Selbstmord geben? Peter Singers Thesen sind schockierend. Aber es sind philosophische Überlegungen. Und mit diesen muss sich ein akademischer Diskurs auseinandersetzen.


Von Andrian Kreye|Süddeutsche.de

Wenn sich Grundrechte widersprechen, wird es kompliziert. Wenn zum Beispiel die Menschenwürde durch die Meinungsfreiheit ganz erheblich angetastet wird, muss man fragen, was wiegt hier schwerer.

Das liegt im Kern der Debatte über den Ärger, den das Kölner Ideenfestival phil.Cologne gerade ausgelöst hat. Der australische Philosoph und Princeton-Professor Peter Singer war dort kurzfristig ausgeladen worden, weil er in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag seine umstrittenen Thesen über den Wert des Lebens ausgebreitet hatte.

Schockierend, aber philosophisch

Die Thesen sind nicht neu. Singer hat sie schon 1979 in seinem Buch „Praktische Ethik“ formuliert. Schockierend sind sie immer noch, weil er auch darüber nachdenkt, ob behinderte Kinder oder Frühgeborene getötet werden dürfen und ob es ein Recht auf Selbstmord geben sollte. Das ist ein Utilitarismus, der in der Theorie brutal ist und in der Praxis nur noch menschenverachtend wäre. Aber ob es einem gefällt oder nicht, es sind philosophische Überlegungen.

Nun kann und wird man darüber nachdenken, ob es klug war, Singer überhaupt einzuladen, oder ob es ungeschickt war, ihn nach Protesten wieder auszuladen. Er wollte ja über Tierrechte und Veganertum sprechen. Für seine Gedanken zu diesen Themen bekam er in Berlin auch gerade einen Preis. Ganz offensichtlich sind hier jedoch gleich mehrere Weltsichten aufeinandergeprallt. Auf der einen Seite stehen der angelsächsische Utilitarismus und die radikale Neugier der Wissenschaften. Auf der anderen Seite stehen die historisch gewachsene Moral des europäischen Festlandes und die Gefühle der Öffentlichkeit.

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