„Was darf Religionskritik?“


religionenViel zu schnell verblassen Erinnerungen im Gedächtnis. Ziemlich genau ein halbes Jahr ist vergangen, als in Paris am 8. Januar 17 Menschen von drei islamistischen Attentätern in der Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und auf der Straße ermordet wurden. Die Ereignisse hatten die Welt erschüttert. Es war ein Terrorangriff, wie ihn Europa seit den Anschlägen von London und Madrid nicht mehr erlebt hatte. „Allahu akbar“ – „Gott ist groß“ – schrien die Attentäter. Auslöser der grausamen Tat war die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen im Pariser Satireblatt.


Von Gerd Plachetka|Wiesbadener Kurier

Viele Menschen sind seither um eine weitere Aufarbeitung der Geschehnisse bemüht und streben einem harmonischen Zusammenleben der verschiedenen Kulturen und Religionen entgegen. Auf der anderen Seite regen sich wiederum Stimmen, die eine Balance zwischen Meinungsfreiheit und dem Schutz religiöser Gefühle aus dem Gleichgewicht sehen. Unter dem Titel „Karikaturen, Kirchen und Kulturen: Was darf Religionskritik?“ hatte die Johannes Gutenberg Universität eingeladen und wollte im Rahmen der Veranstaltungsreihe Mainzer Mediengespräche neue Lösungsansätze liefern.

„Kein belastbares Schutzgut“

Der Mainzer Rechtsprofessor Matthias Cornils machte in seinem Impulsvortrag seine Erwartungshaltung deutlich. „Jenseits der eindeutigen Individualbeleidigungs- und Verhetzungsfälle erwarte ich nicht allzuviel. Gegen Religionskritik in der Öffentlichkeit, so kränkend sie empfunden werden mag, lässt sich – solange damit keine greifbare Behinderung der eigenen Religionsfreiheit einhergeht – kein belastbares rechtliches Schutzgut in Stellung bringen.“ Damit stehe jedes Kommunikationsverbot auf schwachen Füßen. Cornils endete mit der Frage: kann ein stabiler, ohnehin in transzendenten Gewissheiten wurzelnder Glaube Kritik nicht auch einfach aushalten? Meistens übt sich die christliche Welt, auch wo sie angegangen und getroffen wurde, in passiver Duldung. Ganz anders die nicht selten schockierend gewalttätigen Reaktionen auf kritische oder auch nur als kritisch empfundene Äußerungen über den Islam.

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