Monotheismus: Mörderisches Eifern für Gott


Sonnenaufgang über dem Berg Sinai. Hier, so erzählt es das Alte Testament, habe Moses von Gott die Zehn Gebote erhalten. Das Foto hält einen Augenblick des 4. März 2007 fest. Foto: REUTERS
Jan Assmann setzt seine Analyse des Auszugs aus Ägypten fort – und entwickelt seine These vom radikalen Monotheismus weiter.

Von Friedrich Wilhelm Graf|Frankfurter Rundschau

Ich bin der HERR, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst Dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.“

Im 20. Kapitel des 2. Mose-Buches der Hebräischen Bibel, also dem auf das erste Buch „Genesis“ folgenden Buch „Exodus“, verkündet Gott der HERR hoch oben auf dem Berge Sinai Moses die „Zehn Gebote“.

Der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann, einer der international bekanntesten deutschen Geisteswissenschaftler der Gegenwart, deutete diese Sinai-Offenbarung 1996 in „Moses der Ägypter. Entzifferung einer Erinnerungsspur“ als Urszene einer Unterscheidung, die die westliche Kultur bis heute tiefgreifend bestimme: der „Mosaischen Unterscheidung“.

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