„Religion und Ökonomie sind untrennbar“


Darum geht es in allen Religionen. Bild: AAA
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Wie das Prinzip Zufall die Welt regiert (2): Der Medienwissenschaftler Jochen Hörisch über die Unmöglichkeit unendlichen Wachstums und die Erschütterung von Gewissheiten

Von Joachim Frank|Frankfurter Rundschau

Professor Hörisch, Wachstum in der Natur ist eine Erfahrungstatsache. Warum erklären Sie es zur Glaubensfrage?

Es heißt: Wer an unendliches Wachstum glaubt, ist entweder verrückt oder Volkswirt. Und gerade die Natur zeigt, dass das stimmt. Sie setzt dem Wachstum jedes Organismus Grenzen. Die Ökonomie aber tut entweder so, als gebe es diese Grenzen nicht, oder als hätte ihre Missachtung keine negativen Folgen.

Das halten Sie für irrational?

Jedenfalls kenne ich keine andere Wissenschaft neben der Theologie, die so sehr auf Glaubenssätzen und Dogmen beruht wie die Wirtschaftswissenschaft. Und die dann zu allem Überfluss auch noch behauptet, sie operiere streng mathematisch mit durchgerechneten Zahlen, Daten und Fakten. Als Philologe entgegne ich, dass schon die Begriffswelt der Ökonomen wie ein Schwamm getränkt ist mit religiösem Vokabular. Sie reden von „Schulden“, von der „Wert-Schöpfung“ und vom „Erlös“, von „Krediten“ und „Gläubigern“. Man trifft sich auf der „Messe“. Und bei jedem Einkauf „wandelt“ der Kunde ein bloßes Zeichen, den Geldschein, in eine echte Realität, die Ware. Der Theologe erkennt sofort die Parallele zur katholischen Transsubstantiationslehre, nach der im Zeichen des Brotes der Leib Christi gegenwärtig ist.

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