Manipulation des menschlichen Erbguts – keiner redet über Ethik


Bild: merakname.com
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Die Genmanipulation von menschlichen Embryonen stößt aus vielerlei Gründen auf Ablehnung, ethische Abwägungen spielen jedoch eine überraschend kleine Rolle


Von Volker Henn|TELEPOLIS

Eine Forschergruppe hat erstmals versucht, das Erbgut menschlicher Embryonen zu manipulieren. Die Front der Ablehnung scheint geschlossen, doch eine gemeinsame Basis ist nicht zu erkennen: Wissenschaftler warnen vor technischen Mängeln, Medien fürchten sich vor Designer-Babys. Eine tiefergehende Diskussion über Ethik bleibt dabei auf der Strecke.

Der Eingriff sollte eine Erbkrankheit korrigieren, doch er ging gründlich schief. Chinesische Forscher wollten ein neues Verfahren dazu nutzen, ein einzelnes Gen in menschlichen Embryonen mit höchster Präzision zu manipulieren (Liang et al., Protein & Cell, Mai 2015, CRISPR/Cas9-mediated gene editing in human tripronuclear zygotes). Es war nur ein erster Test, die Embryonen hätten das Labor nie verlassen – sie waren von Anfang an nicht lebensfähig. Aber die Genmanipulation verlief auch nicht annähernd so präzise wie erhofft: Nur vier von 86 Embryonen wiesen das korrigierte Gen auf, und selbst in diesen fand es sich nur in einem Teil der Zellen.

Das Experiment hat dennoch große Aufregung verursacht. Es war der erste Versuch, in die menschliche Keimbahn einzugreifen: Derartige Manipulationen werden an folgende Generationen weiter vererbt, mit schwer absehbaren Folgen. Bislang galt die Keimbahn-Manipulation als allgemein akzeptiertes Tabu. Und so formierte sich rasch eine breite Front der Ablehnung gegen dieses Experiment, die Wissenschaftler und Medien einschloss. Doch diese Front war von Anfang an gespalten – jeder hatte seine eigenen Beweggründe. Und obwohl fast alle auf ethische Probleme hinwiesen, machte sich kaum jemand die Mühe, diese auch konkret zu formulieren.

Als erstes reagierten Wissenschaftler (Lanphier et al., Nature, März 2015, Don’t edit the human germ line; Baltimore et al., Science, April 2015, A prudent path forward for genomic engineering and germline gene modification). Bereits einige Wochen, bevor die chinesische Studie veröffentlicht wurde, verfassten sie Aufrufe, die – mehr oder weniger direkt – ein Moratorium einforderten. Das Verfahren wäre noch lange nicht ausgereift, die Auswirkungen auf die Embryonen noch völlig unklar. Jede Art von Forschung, die auf die Manipulation der Keimbahn abzielt, sollte daher vorerst auf Eis gelegt werden.

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